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Freitag, 2. November 2012

Stadt ruft Bürgerstiftung ins Leben

Zwei Nachlässe sichern Kapitalstock mit mehr als einer Million Euro.

Die Wangener Bürgerstiftung kann auf ein Stiftungskapital von gut einer Million Euro bauen.  Jetzt war Gründungsversammlung  im vollen und gerade kürzlich offiziell übergebenen Deuchelrieder Dorfgemeinschaftshaus.

Seit 1996 entstehen immer mehr so genannte Bürgerstiftungen. Wangens Oberbürgermeister Michael Lang sprach von 240 Gründungen, denen sich die Wangener nun anschließt. Möglich wurde die Stiftung durch zwei Nachlässe, die an die Stadt fielen.

Die Stifter
Zunächst fiel der Nachlass des Ehepaars Emil Moryc und Elfriede Rickmann aus Primisweiler 2003 an die Stadt und dann das Erbe des erst im Juli dieses Jahres verstorbenen  Josef Heine. Während das Ehepaar zugezogen und mit der städtischen Politik nicht immer einig war, wie Lang sagte, verbrachte Josef Heine sein ganzes Leben in Kernaten, sieht man einmal von der Zeit im Krieg ab, die ihn als Soldat in die Fremde führte. Heine lebte in großer Bescheidenheit  und vermachte der Stadt nicht nur ein Barvermögen in Höhe von 600.000 bis 700.000 Euro, sondern auch Grundstücke und Wälder. Als Fünfjähriger hatte er den Vater verloren und lebte fortan mit seiner Mutter in dem Haus in Kernaten und blieb auch nach deren Tod 1987 allein dort wohnen. Im städtischen Archiv lagert eine Hose, die der Festversammlung präsentiert wurde. Heine trug sie, als er aus dem Krieg nach Hause kam, voller Löcher und aufgeschlitzt. „Josef Heine war nie verheiratet und hat immer g’schafft“, sagte OB Lang. Durch seinen Nachlass kann die Bürgerstiftung Wangen mit über einer Million Euro starten. Weil eine solche Stiftung auch Gremien braucht, in denen sich Bürger als Vorstände, Stiftungsräte und in Freundeskreisen engagieren, lud Lang zur Mitarbeit ein: „Wir sind dankbar, wenn Sie sich eintragen!“

Ulmer OB gibt Erfahrungen weiter
Eine der ältesten Bürgerstiftungen ist die der Stadt Ulm. So kam es nicht von ungefähr, dass der Ulmer Oberbürgermeister, Ivo Gönner, über die Bürgerstiftung in seiner Stadt berichtete. Er gratulierte den Wangenern zu ihrer Initiative und gab einige Hinweise, wie die Stiftung erfolgreiche Arbeit leisten und eine erste Adresse für Spenden, aber auch für Menschen sein kann, die ihre eigenen Stiftungen gut verwaltet wissen wollen.

Eine gute Adresse
Eine Bürgerstiftung müsse eine gute Adresse sein. Eine solche werde sie dann, wenn sie transparent arbeite und frei agieren könne, sagte Gönner. Wichtig sei auch, dass die Bürgerstiftung klare Signale aussende. Die Ulmer lösen diese Forderungen ein, indem sie jedes Jahr eine Info-Tafel im Rathaus aufhängen, die genau bezeichnet, welche Einrichtungen wofür mit Geld aus den Erträgen des Stiftungskapitals bedacht worden sind. Denn nur aus den Zinsen wird geschöpft, nicht aber aus dem Stammkapital.

Startgeld oder Belohnung
Zuwendungen kann in Ulm bekommen, wer eine Initiative startet. Aber auch Initiativen, die schon länger erfolgreich arbeiten, können  als Anerkennung mit einer Summe bedacht werden. Zudem kann die Bürgerstiftung selber Initiativen anstoßen. Der frühere Präsident des baden-württembergischen Städtetags berichtete von zehn Jugendlichen, die am Arbeitsmarkt schwer vermittelbar waren. Sie begannen eine Ausbildung in Ulmer Betrieben. Die Bürgerstiftung übernahm 80 Prozent der Lohnkosten. „Von zehn haben es sechs geschafft“, bilanzierte Gönner.

Wangen auf gutem Weg
Um die Wangener Bürgerstiftung ist dem Ulmer OB nicht bang. „Ich spüre, dass Sie in Wangen diesen Weg als gute Adresse gehen können“, sagte er und nannte Beispiele, wie die Ulmer ihre Bürgerstiftung unterstützen. Gelohnt wird das Engagement von Ulmer Bürgern – häufig solchen, die nicht im Rampenlicht stehen – durch das „Ulmer Band“. Gestaltet habe es ein Juwelier, der ebenfalls zu einem runden Geburtstag der Stadt etwas Gutes tun wollte. „Vielleicht gibt es ja auch in ihrer Stadt Juweliere…“, gab Gönner zu überlegen. Die Gründungsversammlung ermunterte er, nach Hause zu gehen und das Testament zugunsten der Wangener  Bürgerstiftung zu ändern. Die Wangener quittierten beides mit Schmunzeln und herzlichem Applaus.

Bürgerstiftungen haben Tradition
Einen Überblick über das jahrhundertelange und segensreiche Wirken von durch Bürger initiierten Stiftungen in Wangen berichtete Stadtarchivar Dr. Rainer Jensch. Er spannte den Bogen von Hadubert, dessen Stiftung von 815 im St. Gallener Kloster aktenkundig ist, über die Stiftung des Ehepaar Fueg im 15. Jahrhundert, die es der Stadt ermöglichte, in der Unterstadt ein neues Spital zu bauen, über die Jahrtagsstiftungen, die unter anderem auch die typisch Wangener Seelen hervorbrachten, über die Seelhausstiftung der Familie Hinderofen sowie den vielen Geldstiftungen, die zumeist zu Bildungszwecken  zu benutzen waren, allerdings die Finanzkrisen der Jahrhunderte nicht überlebten.

Inflation zehrt Stiftung auf
Zuletzt musste 1923 die von Anton von Gegenbaur gemachte Stiftung aufgelöst werden, weil die Inflation sie aufgezehrt hatte. „Vielleicht haben Sie ein Idee, wie man die Namen der Wohltäter präsentieren kann“, sagte Jensch. Denn wo Stiftungen untergehen, verschwinden mit ihnen auch die Namen ihrer Stifter. Im vergangenen Jahrhundert wurde mit der Stiftung von Ernst Wiedemann das Krankenhaus saniert, die Stiftung von Hans Kulle wurde zugunsten Behinderter gemacht und Karl Sauermann stiftete seinen Nachlass für Arme und Kranke, weswegen 280.000 Euro aus seinem Nachlass in die Sanierung des Spitals flossen.

Für Jung und Alt und die Kultur
Aus Ernst Schmeißers Nachlass wurde die Franz-Xaver-Bucher-Stiftung gegründet, die besonders begabte und fleißige Musikschüler unterstützt, Karoline und Karl Kohlers Erbe floss ins Kohler-Wohnheim und begründete in Wangen das betreute Wohnen im Alter, und die Schwestern Anna, Luise und Melanie Mohr überließen der Stadt eine Stiftung, aus der Kulturschaffende einen Zuschuss bekommen können. „Josef Heine wollte seinen Mitmenschen etwas ermöglichen, was er selber am nötigsten gehabt hätte“, sagt Jensch und schloss mit dem biblischen Appell: „Date et dabitur vobis - gebe, so wird dir geben.“

Junge Musiker umrahmen den Abend
In seinem Schlusswort betonte OB Lang die Nähe zur Franz-Xaver-Bucherstiftung, aber auch zur Hospizstiftung.  Die neue Bürgerstiftung könne sich all jener Themen annehmen, die von diesen beiden nicht abgedeckt werden.  Dass für den musikalischen Rahmen mit dem Schwanenchor Deuchelried sowie drei Ensembles der Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu sorgten, sei bewusst so geschehen, denn  Kinder und Jugendlichen sollten in besonderem Maße Nutznießer der Bürgerstiftung sein.