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Samstag, 12. Juli 2014

Beuys‘ Honigpumpe war made in Wangen

Ein ungewöhnlicher Anlass hat jetzt rund 60 Besucherinnen und Besucher in die Pumpenfabrik in Wangen im Allgäu geführt. Sie alle waren auf der Spur der berühmten „Honigpumpe“, die Joseph Beuys bei der documenta 6 in Kassel 1977 ausstellte. Diese Pumpe wurde von Mitarbeitern der Wangener Pumpenfabrik gebaut. Daran erinnert hat jetzt der damalige Geschäftsführer Dr. Aloys Wilmsen.

Wilmsen unterhält mit seiner Frau Helga seit einigen Jahren in Maria-Thann eine Galerie im eigenen Haus, in der sie jetzt eine Beuys-Ausstellung zeigten. Teil des Rahmenprogramms war auch der Besuch in der Pumpenfabrik mit Betriebsführung.

Es gibt kaum Fotos

Heute würde ein Unternehmen einen Auftrag wie den von Joseph Beuys fast sicher für eine Marketing-Aktion nutzen. Nicht so 1977. Zwar war der Auftrag des Konzeptkünstlers keinesfalls ein gewöhnlicher, wie Dr. Wilmesen und der damalige am Bau beteiligte Ingenieur Anton Kaiser erzählten. Doch man sprach nicht darüber. Und der Gedanke, dass sich gut 30 Jahre später eine kunstsinnige Gemeinde für die Honigpumpe interessieren könnte, lag ihnen offenkundig fern.

So kam es auch, dass Kaiser für seinen Vortrag über den Bau und die Funktionsweise der Pumpe im Museum Fridricianum in Kassel zu seinem großen Bedauern kaum Bildmaterial zur Verfügung hatte. Ein Umstand, den der heutige Geschäftsführer, Hans M. Halhuber, mit der Bemerkung kommentierte: „Im heutigen Handy-Zeitalter könnte Sie sich vor Bildern wohl kaum retten.“

Beuys war Studieninhalt

Halhuber lernte die Beuysschen Kunstwerke während seines Jurastudiums kennen, wie er berichtete. Denn die „Badewanne“, die von Unkundigen ausgeräumt und zum Gläserspülen benutzt wurde, war ebenso Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen um Schadensersatz, wie die aufgeräumte „Fettecke“ und deshalb Lehr- und Lernstoff an der Universität.

Beuys: "Edelstahl ist tot"

Anton Kaiser erzählte, wie er gemeinsam mit seinem Kollegen Karl Zotter im Auge der Treppe des Museums die 16 Meter hohe Pumpe installieren sollte. Die Sonderwünsche des Konzeptkünstlers brachten beide manchmal an den Rand ihrer Geduld und stellten ihnen fast unlösbare Rätsel. Beispielsweise die Schlauchleitungen aus Edelstahl. „Edelstahl ist tot“, befand der Künstler. Leben wurde ihnen schließlich von einem Mann eingehaucht, den Wilmsen in Kassel kannte und der noch in der Lage war, von Hand zu verzinken. „So erhielten die Schläuche eine Oberfläche, die wie eine Rinde wirkte“, erzählte Kaiser.

Arbeit für die Fotografen

Er erinnerte sich auch, dass Beuys besonders gerne Hand an sein Kunstwerk legte, wenn Fotografen in der Nähe waren, die dann das Bild des Konzeptkünstlers bei der Arbeit verbreiteten. Ansonsten habe er die Arbeit mehr beaufsichtigt. Beuys habe die Kunst der Selbstinszenierung für die Medien besonders gut verstanden, sagte Kaiser. Und er habe gewusst, dass ein Künstler, über den gesprochen wird, auch im Geschäft ist. „Ich habe bei dieser Arbeit viel gelernt“, sagte Kaiser, lächelte ebenso wissend über die Eigenheiten des Künstlers wie über die Unwissenheit der Journalisten und fügte hinzu: „Vor allem Geduld.“

Honig aufgekauft

Ein Motor und eine in Margarine liegende Welle sorgten für den Antrieb der Pumpe, ein Kompressor dafür, dass der Druck nicht zu hoch stieg. In den Kasseler Supermärkten war kurz vor der documenta 6 sicher kaum noch Honig zu bekommen, denn die Wangener Ingenieure kauften dort 106 Liter ein, die der Künstler eigenhändig mit 18 Litern destilliertem Wasser verrührte.

Auf der Messe angesprochen

Dass die Pumpenfabrik Wangen überhaupt an den Auftrag kam, war einem Messeauftritt und der Klugheit von Dr. Wilmsen zuzurechnen. Beuys sei an ihn am Messestand herangetreten und habe gefragt, ob seine Firma eine Honigpumpe bauen könnte. Wilmsen antwortete mit seinem Standardsatz: „Wie wollen Sie die Pumpe denn haben?“

Mit Handschlag Vertrag besiegelt

Beuys habe ihn daraufhin lange angeschaut und gefragt: „Kann ich mich hinsetzen?“ – „Und dann setzte er sich und zeichnete und zeichnete“, erinnerte sich Wilmsen. Nach einiger Zeit übergab Beuys die Zeichnungen an Wilmsen, sagte er solle das bauen und wollte gehen. „Er war mir ja sehr bekannt vorgekommen, aber ich erkannte ihn nicht. Deshalb fragte ich ihn, wer er sei“, sagte der heutige Galerist. „Ich bin der Joseph Beuys,“ habe der Künstler geantwortet und ihm die Hand gegeben. So wurde der Auftrag in Höhe von rund 67 000 D-Mark festgezurrt. Die Rechnung über den Auftrag findet sich ein einem Buch wieder, das Klaus Staeck rund 20 Jahre später über die Honigpumpe heraus gebrachte.

Honigpumpe darf nicht mehr pumpen

Heute gehört die Honigpumpe dem Louisiana Museum im dänischen Humleback. Allerdings pumpt sie keinen Honig mehr – nicht weil sie das nicht könnte, sondern weil der Künstler das so verfügt hat.

Info:

Die Pumpenfabrik Wangen hat heute 218 Mitarbeiter, darunter 20 Auszubildende. Sie hat ihren Sitz am Atzenberg in Wangen im Allgäu und produziert in vier Betriebsteilen. Sie ist spezialisiert auf Exzenterschneckenpumpen, die in der Landtechnik ebenso eingesetzt werden wie in der Chemie- oder Lebensmittelindustrie und vielen weiteren Branchen.