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Freitag, 12. Juli 2019

Bundesverdienstkreuz am Bande für Thomas Walther

Der Jurist Thomas Walther bekommt das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Damit werden Walthers Verdienste um die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen sowie sein Engagement für die Opfer der NS-Herrschaft gewürdigt.

Wenn Thomas Walther redet, entstehen beim Zuhörer Bilder im Kopf – zum Beispiel, wenn er von sich erzählt, dass er in jungen Jahren eigentlich Journalist werden wollte, weil er einen gewissen Marcel Reich-Ranicki erlebt hatte. Er näselt und lispelt verblüffend ähnlich wie der legendäre Literaturjournalist, als er den Namen ins Spiel bringt. „Ich wollte so werden wie er, aber nicht so sprechen“, sagt er schmunzelnd. Das Literaturstudium in Hamburg erfüllte nicht die Erwartungen des jungen Studenten, weshalb er sich der Juristerei zuwandte. Dass er nach dem 1. Staatsexamen seine Ausbildung in Bayern zum Abschluss brachte, habe etwas mit Politik zu tun gehabt, sagt Walther. Der junge Mann war Mitglied der SPD-Jugendorganisation JUSOS. In der Hansestadt wäre er womöglich in der Politik gelandet, in Bayern unter einer Franz-Josef-Strauß-Regierung habe da weniger Gefahr bestanden, sagt er lächelnd. Wieder so ein Bild, das jenen sofort vor Augen steht, die alt genug sind, den ehemaligen CSU-Granden noch erlebt zu haben. 

Ein besonderes Geschenk

Doch es gibt auch Bilder, die sich zusammenfügen, wenn er aus seinem Leben berichtet. Eines ist verknüpft mit einem Parker-Füllfederhalter aus dem Jahr 1948. Als Ende 2018 Marika Glied aus Toronto ihm einen solchen Original-Füllfederhalter von damals schenkt, kann Thomas Walther es kaum fassen. Aus zwei Gründen: Marika ist die Ehefrau von Bill Glied, der in den Auschwitz-Prozessen in Lüneburg 2015 und Detmold 2016 gegen Oskar Gröning und Reinhold Hanning ausgesagt hatte. Bill hatte in Auschwitz seine Mutter und jüngere Schwester verloren, der Vater verhungerte wenige Tage vor der Befreiung durch die Alliierten im Konzentrationslager Ebensee. Bill Glied wurde von Thomas Walther als Nebenkläger in beiden Prozessen begleitet und starb völlig unerwartet im Februar 2018.

Füllfederhalter bringt Vater zum Erzählen

Der zweite Grund: Ein Füllfederhalter von 1948 ist für Walther nicht nur ein Schreibgerät. Mit einem gleichen Füller seines Vaters wurde damals Ende der 1940er Jahre die Basis gelegt für ein Thema, das Walther nie losgelassen hat und an dem er auch heute als 76-Jähriger noch mit großer Leidenschaft arbeitet. „Es geht darum, Gerechtigkeit zu schaffen für die Opfer der NS-Zeit“, sagt er. Seinem Vater, Rudolf Walther, war damals der Federhalter aus den weiten Hosentaschen in eine Lederfalte seines tiefen Sessels davongerutscht. Der fünfjährige Thomas fand den Füller zur großen Freude seines Vaters und erfuhr die Geschichte dazu. Sein Vater hatte in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als der Mob in deutschen Städten wütete, Synagogen in Brand setzte, jüdische Geschäfte attackierte und Menschen verschleppte, zwei jüdische Familien auf dem heimischen Grundstück in Erfurt versteckt und ihnen so die Flucht nach Paraguay und Australien ermöglicht. Die Familie Holland hatte ihm 1948 diesen Füller geschickt – zum Dank. Thomas Walther erbte ihn und unterzeichnete noch eine ganze Zeitlang seine Urteile als Amtsrichter damit – bis der Füllfederhalter irgendwann endgültig weg war. 

Kreise schließen sich

„Unsere Familie war schon Ende der Vierziger- und Anfang der Fünfzigerjahre eine Gemeinschaft, in der man nicht geschwiegen hat. Es wurde erzählt, was da war“, sagt Walther. Zu Fred Biel, der in Erfurt noch Fritz Bielschowsky hieß und wie die Hollands mit Rudolf Walther befreundet gewesen war, bestand noch lange Kontakt. So schickte ihm Thomas Walther, Vater von vier Kindern, auch die Geburtsanzeigen. „Die dritte kam 1984 zurück, weil Fred Biel inzwischen verstorben war.“ Michelle Glied-Goldstein, Tochter von Bill und Marika Glied, stellten erst kürzlich im April 2019 den Kontakt zu nahen Verwandten von Fred Biel in den USA her. Und ihre eigene Tochter studiert seit Sommer 2018 Jura mit Blick auf jene späte Gerechtigkeit, wie sie die Glied-Familie vor deutschen Gerichten erfuhr. „So schließen sich Kreise“, sagt der in Erfurt und Uelzen aufgewachsene, nach Studienjahren in Hamburg und Bayern als Richter im Allgäu ein Hiesiger gewordene Thomas Walther.

Das Thema ist "Späte Gerechtigkeit"

Einen dieser Kreise nahm er am 1. September 2006 in den Blick, als er 63-jährig, auf eigenen Wunsch seinen Richterstuhl beim Amtsgericht Lindau räumte und bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg die Arbeit aufnahm. Es gab Zeitungen, die ihn als „Nazi-Jäger“ bezeichneten. Das sei aber nicht sein Fokus gewesen. „Es geht um das Thema einer – wenn auch späten - Gerechtigkeit“, sagt der Jurist. 

Nicht reden - ändern!

Die ersten Monate in Ludwigsburg habe er gesucht, aber nicht viel zu fassen bekommen. Ein Grund dafür war die damals gängige Rechtsauffassung, dass einem Angeklagten die unmittelbare Beteiligung an der Ermordung der Opfer nachgewiesen werden musste. Und wo kein Tatnachweis, da auch keine Anklage – so hatte man es ihm auch in den ersten Wochen am neuen Arbeitsplatz vermittelt. „Als denkender Jurist kann man sich mit so einer Haltung nicht zufriedengeben“, sagt er und klingt – sonst im Ton immer verbindlich – mürrisch. „Ich habe über ein Jahr gebraucht, um die in mir wachsenden Zweifel an dieser Rechtsauffassung zu formulieren. Und da hat wohl mein Vater im Obergrund mitgewirkt“, fügt er hinzu und deutet nach oben Richtung Zimmerdecke und Himmel. Sein Vater habe ihn gelehrt: „Wenn du wirklich überzeugt bist, dass irgendetwas falsch läuft, dann rede nicht viel sondern ändere es!“

Wachmänner als Teil einer industriellen Tötungsmaschinerie

Was also war es, das seiner Ansicht falsch lief? Walther hatte lange Listen gesehen von Wachmännern in Konzentrationslagern, denen angeblich keine Beteiligung am Massenmord nachgewiesen werden konnte. Sie waren aber Teil einer industriellen Tötungsmaschinerie und ermöglichten den millionenfachen Mord an Juden und vielen anderen Menschen. Sie bewachten sie auf der Rampe in Auschwitz, bis entschieden wurde, wer direkt nach der Ankunft vom Waggon aus ins Gas ging oder in die Baracken zur Zwangsarbeit unter unbeschreiblichen Bedingungen. Sie verwalteten die Wertsachen, die zurückblieben. Und sie sorgten für den reibungslosen Ablauf der millionenfachen Menschenvernichtung. Und wegen dieser Unterstützung der Mordmaschinerie waren sie auch mitschuldig fand Walther. Mit dieser Ansicht konfrontierte er den Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen Kurt Schrimm im März 2008. Dass ihn Schrimm gewähren ließ, rechnet Walther diesem heute noch hoch an. Denn die Zentrale Aufklärungsstelle hatte das 50-Jahr-Jubiläum vor sich. Wenn deutsche Staatsanwaltschaften und Gerichte seine Rechtsauffassung übernehmen würden, wäre klar, dass man in Ludwigsburg und anderswo über Jahrzehnte falsch gearbeitet hätte. 

Neue juristische Sicht führt zu neuen Anklagen

Die neue Sicht der Dinge führte zur Anklage gegen den Wachmann John Demjanjuk in München, gegen den Thomas Walther in Ludwigsburg ab März 2008 die Vorermittlungen führte. Der damals 89-jährige Demjanjuk wurde in der Folge von den USA nach Deutschland überstellt und 2009 vor dem Landgericht München I für seine Tätigkeit im Vernichtungslager Sobibor angeklagt. Zwei Jahre später verurteilte ihn das Gericht wegen Beihilfe zum Mord an 28 060 Menschen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren. Das Gericht übernahm die von Walther entwickelte Rechtsauffassung, dass bereits der den Massenmord unterstützende Dienst im Vernichtungslager Sobibor 1943 ausreichend für eine Verurteilung sein müsse, denn der Wachmann sei dort „Teil der Vernichtungsmaschinerie“ gewesen.

Grundsätze der Rechtsprechung durch Auschwitzprozess verdrängt

Letztlich hatte sich Thomas Walther auf die Grundsätze des allgemeinen Strafrechts bezogen, wie sie schon immer im Strafrecht galten, jedoch durch den Frankfurter Auschwitzprozess 1965/69 aus der Rechtspraxis zu NS-Verbrechen verdrängt worden waren. Sehr einfach erklärt der Jurist, was damals geschah: Das Gericht unter dem Vorsitzenden Richter Hans Hofmeyer verurteilte unter anderem den Adjutant des Lagerkommandanten Auschwitz, Robert Mulka, wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum Mord in vier Einzelfällen  an mindestens 3.000 Menschen zu 14 Jahren Gefängnis. Der direkte Tatnachweis wurde unter anderem durch zwei von Mulka unterschriebene Listen mit den Namen der jüdischen Opfer geführt. Nach Auschwitz waren zwischen 1940 und 1945 1,3 Millionen Menschen -deportiert worden. 1,1 Millionen wurden dort ermordet. 

Auch Schmiere stehen ist Beihilfe

Was Beihilfe im juristischen Sinne heißt, erklärt Walther so: „Wenn in Wangen zwei Kumpel die Kreissparkasse überfallen, und der Dritte steht bei der Tonne Schmiere und erzählt später in der Wirtschaft, er hätte gepfiffen, wenn die Polizei gekommen wäre – dann ist das Beihilfe zum Banküberfall.“ Und er erinnert an den Fall des 1977 von der RAF ermordeten Generalbundesanwalt Siegfried Buback. „Die Haupttäter wurden nie gefunden. Aber die Frau, die bei der Besichtigung des Tatorts sagte ‚Der General muss weg!‘ ist der Beihilfe zum Mord schuldig und deshalb – 35 Jahre nach dem Mord - 2012 in Stuttgart verurteilt worden.“ 

Allzu viele kamen ungestraft davon

Genauso sieht es die Rechtsprechung heute in Sachen NS-Verbrechen. „In den 1970er Jahren war von den Strafverfolgungsbehörden verinnerlicht worden, dass man gegen diese SS-Männer, die da in den Lagern arbeiteten, keine strafbare Tatbeteiligung nachweisen könne. Das ist Nonsens! Es hat einfach niemand ermittelt!“, sagt Walther und sein großer Ärger darüber ist deutlich hörbar. Denn die Folge dieser Haltung ist, dass allzu viele Täter und deren Unterstützer ungestraft davonkamen. 

Großes Misstrauen war zu überwinden

Bei seinen Ermittlungen stand und steht für Walther nicht die Bestrafung im Vordergrund. Nach insgesamt 13-jähriger Befassung mit diesen Verbrechen sitzt er heute als Nebenkläger für die Opfer im Gerichtssaal und weiß, dass für jene etwas ganz Anderes zählt. Hedy Bohn, die – wie Bill Glied - in den Prozessen gegen Gröning in Lüneburg und Hanning in Detmold aussagte, zitiert Walther mit den Worten: „Die Tatsache, dass ich von dem Geschehen vor einem deutschen Gericht sprechen kann, hat mir ein neues Leben gegeben.“ Um zu den Opfern vorzudringen, musste Walther nicht selten großes Misstrauen überwinden. Während seiner Recherchen zu John Demjanjuk machte er sich auf die Suche nach Zeugen und Nebenklägern – auch weil ihm klar war, dass das Bild von den Verbrechen durch die Aussagen der Überlebenden Gestalt bekommen würde.

Suche nach Überlebenden in Amsterdam

Bei seiner Suche nach Überlebenden stieß er in Amsterdam auf die Stiftung Sobibor.  „Sie war von einem der ganz wenigen Sobibor-Überlebenden gegründet worden – Jules Schelvis“, erzählt Walther. Ihn kontaktierte er als damaliger Ermittler, worauf sich die Stiftung meldete. Denn Schelvis hatte in den 1960er Jahren schon einmal als Nebenkläger ausgesagt und war völlig traumatisiert von dem Prozess nach Hause gekommen. Schließlich besuchte Schelvis in Begleitung verschiedener Professoren und Mitglieder der Stiftung Walther in Ludwigsburg. „Es wurden unglaublich viele kritische Fragen gestellt und Schelvis war unsicher, ob er als Nebenkläger an einem solchen Prozess nochmals teilnehmen wollte. Wir sind am Abend zusammen zum Essen gegangen, Schelvis trug einen roten Schal mit der Abkürzung PvdA, dem Kürzel der niederländischen Arbeiterpartei. Diesen Schal legte Schelvis dem deutschen Ermittler beim Abschied um den Hals mit den Worten: „Der gehört jetzt dir.“ 

"Ich bin die Einzige, die überleben musste"

Das Eis war also gebrochen. Gemeinsam mit seinem Freund dem Kölner Strafrechtsprofessor Cornelius Nestler reiste Walther kurze Zeit später nach Amsterdam – „ich habe dafür Urlaub genommen“ -  und traf dort auf eine ganze Gruppe von Menschen, unter ihnen zehn potenzielle Nebenkläger. Sie mussten den Nachweis erbringen, dass sie rein rechtlich auch als Nebenkläger in Frage kamen. So musste der Tod von Eltern, Geschwistern oder Ehepartnern in Sobibor plausibel beschrieben werden. „Da saß dann das Abbild einer lieben Oma vor mir und erzählte, dass sie von ihrer Familie als kleines Kind im holländischen Widerstand untergebracht und dort als Bauernkind aufgezogen worden war. Als sie die Rückseite des Formulars sah, auf dem sie die Namen ihrer ermordeten weiteren Angehörigen hätte eintragen müssen, schaute sie mich lächelnd an und sagte: ‚Herr Walther, ich kann auf dieses Papier keine 67 Namen schreiben. Ich bin die Einzige, die überleben - musste.‘“

Mit Würde und Anstand die Dinge zu Ende führen

Durch sein Engagement und seine große Empathie hat sich Thomas Walther viele Freunde gemacht. Er ist in vielen Ländern gern gesehener Gast in jüdischen Familien, die er vor Gericht vertrat. Und er ist in zweiter Ehe mit der Tochter der Auschwitz-Überlebenden Éva Pusztai-Fahidi in Budapest verheiratet. Dass sein Wille zur Aufklärung weiterer NS-Verbrechen jemals enden könnte, ist nicht absehbar. In spätestens zehn Jahren werden weder Täter noch Opfer mehr leben. Deshalb kommt Aufhören für ihn jetzt nicht in Frage. „Mein Freund Cornelius Nestler sagt immer, wir brauchen einen verhandlungsfähigen Angeklagten, einen intelligenten und klug handelnden Staatsanwalt sowie ein williges Gericht“, sagt Walther und fügt hinzu: „Wenn wir das, was wir noch tun können, mit Würde und Anstand zu Ende führen, dann ist es gut.“ 

Text: Stadt Wangen / Susanne Müller