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Samstag, 24. August 2019

Düker soll die Lücke im Kanal schließen

Die Wasserkraftbaustelle beim Kohlplatz erlebt am voraussichtlich am Montag, 26. August 2019, eine spektakuläre Etappe.

Die Stadtwerke Wangen im Allgäu betreiben derzeit mit dem Wasserkraftwerk T 4 am Standort des ehemaligen Textilveredlers NTW und dem Wehr in Epplings eine Großbaustelle. Voraussichtlich am Montag, 26. August 2019, wird dort im Bereich des Sigmannser Wegs der Düker als Verbindungsstück im Kanal unter der Oberen Argen eingelassen. Er wird dort von der Firma Feickert eingebaut, wo das Pfingsthochwasser 1999 das ehemalige Aquädukt zerstörte.  

Der Düker ermöglicht die Reaktivierung des Kanals. Für die Bewohner am Kohlplatz bietet beides eine höhere Sicherheit als bisher. Und auch der Bolzplatz in Epplings müsste durch die neue und leistungsfähigere Wehranlage künftig von Hochwasser verschont bleiben, wie Urs Geuppert, technischer Leiter der Stadtwerke Wangen im Allgäu, sagt.

Die Fortschritte am Bau der gesamten Anlage vom Wehr bis zum Krafthaus in der ehemaligen NTW sind deutlich zu sehen. Der Kanal ist gesäubert. In einer Wand fand sich sogar die Unterschrift eines Arbeiters im Beton mit der Jahreszahl 1910. Dort, wo der Kanal in das Krafthaus mündete, werden zurzeit durch die Firma Koller Service Gebäudeteile abgebaut, die für das neue Gebäude hinderlich sind. Zu sehen sind unter anderem rote Backsteinwände des Vorgängerbaus aus dem Jahr 1873 und die in die neue Infrastruktur integriert werden. „Wir haben die alten Turbinen ausgebaut und werden sie ähnlich wie in der ERBA später ausstellen. Strom werden wir an dieser Stelle künftig mit einer leistungsfähigen, doppelt geregelten Kaplanturbine erzeugen“, sagt Geuppert. Sie wird voraussichtlich 1,8 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen. 

Große Rohrteile liegen in der Verlängerung zwischen dem Sigmannser Weg und der Epplingser Halde. Sie bestehen aus glasfaserverstärktem Kunststoff, haben einen Durchmesser von 2,70 Metern und wiegen je 5 Tonnen. 80 solcher Teile werden am Ende zu einem langen Rohr zusammengefügt und in die Erde eingelassen. Über dieser Verdolung wird wie in der Vergangenheit ein kleines Gewässer fließen, das bei den Kleingärten vom Atzenberg her einmündet. 

Die Verdolung beginnt nach der Brücke Richtung Epplingser Halde beim alten und auch künftigen Wehr. Dort wird eine Anlage gebaut, die der an der Argeninsel ähnelt. Beim Blick von der Brücke in Epplings wird links hinter den Spundwänden die Betonplatte sichtbar, auf der ein Rechen gebaut wird und ein Geschiebeabzug. Der Rechen sorgt dafür, dass Schwemmgut nicht in den Kanal gerät. Der Geschiebeabzug daneben ist groß genug, um auch dickes Geröll durchzulassen. Wenn der Bau des linken Teilabschnitts beendet ist, wird der alte Wehrkörper neu betoniert und durch ein Schlauchwehr ergänzt. Der Schlauch wird mittels einer Pumpe mit Wasser auf bis zu einen Meter Höhe aufgefüllt und kann bei Hochwasser ganz einfach abgelassen werden.

Ökologisch aufgewertet wird die gesamte Anlage durch den Bau eines Umgehungsgewässers und die Abgabe einer hohen Mindestwassermenge. So wird rechts des Wehrs eine Fischaufstiegshilfe und links eine Abstiegshilfe gebaut. Ausführende Firma ist Hämmerle Bau aus Oggelshausen. 330 Liter pro Sekunde müssen zukünftig durch den Fischaufstieg fließen, und 800 Liter pro Sekunde müssen am Wehr in die Argen abgegeben werden.

Blickt man hinter die Baucontainer, so sieht man dort einige Balken liegen. Sie stammen von der alten Wehranlage, die Ende des 19. Jahrhunderts an dieser Stelle gebaut wurde. Sie sollen dem Museum zur Verfügung gestellt werden. 

Die Stadtwerke Wangen investieren 3,5 Millionen Euro in die Anlage, die mit dazu beitragen wird, dass die Stadt künftig ihre eigenen Liegenschaften zumindest rechnerisch mit eigenem Strom versorgen kann. Die Baustelle soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.


Zum Konzept der Wasserkraft in Wangen

Diese Investition schließt sich an die Sanierung der Wasserkraftwerke weiter südlich an. Innerhalb weniger Jahre kauften die Stadtwerke Wangen die Kraftwerke T 8 und T 9 in der ehemaligen Baumwollspinnerei und –weberei ERBA sowie weiter südlich und sanierten beide. Im nächsten Schritt bauten sie ein Mindestwasserkraftwerk am Argenwehr, das jährlich rund 200.000 Kilowattstunden Strom produziert. Daneben hebt der Fischpass auch die ökologische Qualität der Argen. Denn zusammen mit der 2014 gebauten Aufstiegshilfe für Fische, die das erste Projekt für die Landesgartenschau 2024 ist, belässt das Kraftwerk mindestens 800 Liter Wasser pro Sekunde in der Argen.


Die elektrische Leistung des Triebwerks T 8 in der ERBA beträgt rund 300 Kilowatt. Möglich wurde dies durch den Einbau einer neuen hocheffizienten, doppelt geregelten Kaplanturbine, die direkt mit einem permanent erregten Synchrongenerator gekoppelt ist. Im Mindestwasserkraftwerk am Argenwehr leistet ebenfalls eine doppelt geregelte Kaplanturbine maximal 50 Kilowatt. Beide kommunalen Kraftwerke erzeugen rund 1,9 Millionen Kilowattstunden Strom jährlich. Die maximale Leistung des Generators im T 9 betrug bis zur Sanierung 100 kW. Dort wurden jährlich rund 500.000 kWh Strom erzeugt. Derzeit wird auch dieses Kraftwerk saniert und soll noch diesen Herbst mit neuer Maschinentechnik wieder in Betrieb gehen. Die maximale Leistung des sanierten Kraftwerks T 9 wird dann bei 140 Kilowatt liegen, die Jahresarbeit bei rund 750.000 Kilowattstunden.


Zur Geschichte der Wasserkraft in Wangen

Die Energiegewinnung aus Wasserkraft knüpft an eine historische Tradition in Wangen an. Die Wasserkraft war schon im Mittelalter Quelle von Arbeit und Einkommen im Westallgäu. So wird die Mühle in Niederwangen, der Vorläufer des heutigen Wasserkraftwerks T 9, erstmals urkundlich im Jahr 1397 erwähnt. Vor mehr als 120 Jahren war Wangen außerdem mit die erste Stadt im Königreich Württemberg, in der die Straßen von elektrischem Licht erhellt wurden. Der Strom kam von Kraftwerken an der Argen. Auch die ERBA wurde 1863 vor allem wegen der reichlich vorhandenen Wasserkraft in Wangen gegründet.