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Einfach Ankommen
und Wohlfühlen
Sonntag, 8. April 2018

Ein Plädoyer für faires Wirtschaften

„Fair Wirtschaften – Fluchtursachen bekämpfen“ – zu diesem Thema hat Dr. Wolfgang Kessler, Chefredakteur von Publik Forum, in der Stadtbücherei Wangen referiert. Den Abend moderierte erfrischend Bernhard Baumann von Fairtrade Stadt Wangen.

Kessler, der aus Ravensburg stammt, ist Wirtschaftswissenschaftler und Journalist. Nach einem „Lehrjahr“ beim Weltwährungsfonds in London war er sicher, dass Wirtschaft ohne Ethik auf die Dauer nicht funktioniert. An mehreren Geschichten erzählte er von Fluchtursachen und von Modellen, die eine Lösung bringen könnten. „Fluchtursachen seien  sehr unterschiedlich: da ist die achtköpfige Arztfamilie aus Syrien, deren Haus zerbombt ist; da ist das eritreische Ehepaar, das verhaftet wurde und durch einen Zufall in Freiheit kam; da sind Menschen, die von ihrem Land vertrieben wurden und keine Chance für sich und ihre Kinder sehen. Je tiefer man bohre, so Kessler, desto mehr stelle man fest, dass auch Deutschland in die Fluchtursachen verstrickt sei. Er nennt Waffenexporte als Ursache, aber auch die Tatsache, dass unser Wohlstand mit auf der Ausbeutung von Rohstoffen bestehe. Im schlimmsten Fall  werde der Abbau von Kindersoldaten bewacht.

Kessler wagte eine Bilanz über die Entwicklung in der Weltwirtschaft, gesehen auf die vergangenen 25 Jahre. Eine gute Nachricht: Die Zahl der Hungernden ist heute so niedrig, wie nie zuvor. Und dennoch hungern noch immer 1 Milliarde Menschen. „Wir erleben heute einen Kampf von mehr Menschen gegen alle anderen um Lebenschancen. Natur und Wachstum setzen dem Wachstum Grenzen“, sagte Kessler. 60 Prozent der Asylbewerber flüchteten vor Gewalt, Klima oder Hunger.

In einigen Ländern seien inzwischen Modelle entstanden, die zu einer Verbesserung des Lebens geführt hätten. In Mexiko hätten sich Kooperativen gegründet, die mit Fairtrade Kaffee handelten. Später seien Honig und Seifen dazu gekommen. Die Beschäftigten seien Teilhaber, es gebe Schulen und Ausbildungsmöglichkeiten. Ergebnis: Die Abwanderung habe aufgehört. Junge Menschen verließen die Dörfer nur noch zur Weiterbildung. Ein weiteres gutes Beispiel wurde aus Namibia berichtet, wo die evangelische Kirche in einem Dorf jedem Einwohner ein kleines Grundeinkommen von 10 Euro auszahlte.  Dieses Grundeinkommen führte dazu, dass sich Produktivität, Handwerk und Handel entwickelte. Die Kinder gehen inzwischen zur Schule, das Selbstbewusstsein der Frauen, habe zugenommen. Die Folge: Namibia will dieses Modell ausdehnen. Weitere solch‘ positiver Beispiele schilderte er aus Brasilien, Kenia und Indien.

Was also ist nach Kessler zu tun, um Fluchtursachen zu verringern?  Die Politik müsse „Frieden first“ zur Maxime machen. Jedoch setzten seit dem Anschlag auf die Zwillingstürme in New York immer mehr westliche Nationen auf Krieg. Notwendig sei ein fairer Handel. Erprobt werde müsste ein bedingungsloses Grundeinkommen, und der Schutz vor Folgen den Klimawandels müsste ausgebaut werden. Dennoch hatte Kessler eine gute Botschaft: Es gab noch nie so viele fair gehandelte Waren wie heute und es gab noch nie so viele faire Geldanlagen wie heute.

Um allerdings die Menschen in Deutschland weiterhin für eine gastfreundliche Politik, zu gewinnen, müsse es auch bei uns gerecht zugehen. Dafür müsse die Politik die Weichen stellen, sagte Kessler.