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und Wohlfühlen
Mittwoch, 12. Mai 2021

Gemeinsam anpacken für Europa

Ermöglichten den Austausch zum Europatag: Albrecht Knoch, Hermann Spang, Hannes Aschauer, Norrdine Nouar, Friederike Hönig, Maren Kempter und Jörg Wendorff (von links). Am PC zugeschaltet waren Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch und Oberbürgermeister Michael Lang. Foto: sum

Viele erfrischende Gedanken zu Europa sind am Freitag bei der Veranstaltung zum Europatag ausgetauscht worden. Deutlich wurden unter anderem zwei Dinge: die Partnerschaften zwischen vielen Kommunen in Europa werden oft von älteren Semestern getragen. Aber die junge Generation hat ihre Ideen zu Europa und dem einem nachhaltigen Zusammenleben.

So berichtete der Bergsteiger Norrdine Nouar, 33 Jahre alt und in Oberstaufen lebend, von seinen Expeditionen unter dem Titel „hiking4europe“. Sie führten ihn auf bisher 42 höchste Berge in europäischen Ländern und ermöglichte dort spannende Begegnungen mit anderen Bergsteigern. Er erzählte von einem Weltbürger in Schottland, der trotz seines weiten Horizonts für den Brexit brannte. Oder von Griechen, die sich seit der Finanz- und Flüchtlingskrise von Europa im Stich gelassen fühlen. „Sie haben zugegeben, dass auch die Griechen selber einen Anteil an den Problemen haben“, sagte Nouar. „Aber dort sind wir nicht solidarisch in der europäischen Familie gewesen.“

Seine Bergsteiger-Partner traf er zufällig. Zu planen wäre auf die lange Distanz mit allen Unwägbarkeiten von Verkehr und Witterung nicht möglich gewesen, sagte Nouar.Bergsteigen macht den Kopf frei für gute GedankenHannes Aschauer, Bürgermeister in Achberg und selber jahrzehntelanger Bergsteiger, teilte die Erfahrung des jungen Mannes, dass man auf den Bergen mit klarem Kopf sehr viele interessante Begegnungen mit anderen Menschen haben kann. Mit Blick auf Europa verwies er auf die Alpenvereine: „Sie haben eine mehr als 100-jährige Geschichte – eine Zeit in der Europa zweimal in Scherben lag und verraten wurde.“ Und weil sie Berglern das Übernachten grenzübergreifend ermöglichen, verbinden sie auch die Menschen. 

In der von Professor Jörg Wendorff und Maren Kempter moderierten Fragerunde, sagte Nouar, dass sich seine Sicht auf Europa gewandelt habe. Zum Beispiel sei klargeworden, „wie toll und schützenswert unsere Werte sind. Insbesondere in Gesprächen auf dem Balkan oder mit einem Ukrainer sei ihm klargeworden, warum Europa gebraucht wird, nämlich um genau diese Werte wie Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und so weiter zu schützen. Dass in dem noch jungen Projekt Europa auch Fehler gemacht werden, gehöre dazu. „Wir sollten gemeinsam anpacken“, sagte er.

Verbraucher sind die Hauptverschwender

Anpacken ist auch das Thema bei den Lebensmittelrettern. Derzeit entstehen in Kißlegg und Wangen entsprechende Initiativen, die verhindern sollen, dass weggeworfen wird, was gegessen werden kann. Dabei soll ausdrücklich die Konkurrenz zu den Tafeln vermieden werden, sagte Nadja Valasek, die in Wangen das Projekt starten möchte. Den Rahmen für Valaseks kurzen Beitrag hatte Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Friedlinde Gurr-Hirsch gegeben, die viele spannende Fakten zum Retten von Lebensmitteln auf den Tisch legte. 

Die Verschwendung geschehe entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der Anteil der Verbraucher liege bei 12 Millionen Tonnen oder 61 Prozent. „Wenn man das in Lkw oder Güterwaggons rechnet, ist das eine Reihe von Stuttgart bis Peking“, sagte sie. Sie habe deshalb 2018 einen konkreten Plan im Regierungskabinett zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung vorgestellt. In den Blick nahm das Land dabei die Außer-Haus-Verpflegung in Kitas, Schule, Mensen oder Betriebskantinen, denn normalerweise essen 40 Prozent der Baden-Württemberger nicht zu Hause. „Die Landeskantinen haben seither ihre Abfälle um 46 Prozent reduziert“, sagte Gurr-Hirsch. Eingesetzt wurden dabei Berater, die den Großküchen zur Seite standen mit Analysen und Hinweisen. 

Deutsch-französische Partnerstädte gemeinsam gegen Verschwendung

Und schließlich hatte sie bei einem Gespräch im Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg mit dem dortigen Leiter die Idee, dass man für dieses europaweite Thema auch die Partnerstädte gewinnen könnte. So wurden Pilotkommunen festgelegt. Diese Kommunen wurden eingeladen und mit den Bürgermeistern eine Absichtserklärung unterschrieben. Inzwischen gebe es auf dieser Ebene eine ganze Reihe von grenzüberschreitenden Aktivitäten.

"Too good to go"

Helfen kann bei der Wegwerfvermeidung auch eine App mit dem Namen „Too good to go“. Die Teilnehmer melden sich an und bieten übriges Essen an, zum Beispiel Hotels, deren Frühstück nicht von den Gästen verspeist wurde. So gibt es eine Mahlzeit für kleines Geld. Diese App sei in Frankreich weiter verbreitet als bei uns.Mit Blick auf Europa plädierte Gurr-Hirsch für ein Zusammenrücken. „Jeder kann etwas beitragen zu Europa. Wir brauchen einen Auftrieb von unten: Lokal handeln und global denken“, sagte Gurr-Hirsch und fügte hinzu: „Bürgerschaftlicher Geist, wie Sie ihn in Wangen haben, ist natürlich ein Humus für solche Aktivitäten.“

Dank für langjährige Arbeit am Europa-Thema

Sie zeigte sich damit als die „Freundin Wangens“, als die sie von Oberbürgermeister Michael Lang anfangs begrüßt worden war. Staatssekretärin Gurr-Hirsch hatte über all die Jahre das Werden der Landesgartenschau 2024 in Wangen freundlich begleitet. OB Lang verfolgte den Abend am PC und wurde ebenso zugeschaltet wie die scheidende Landespolitikerin. Pfarrerin Friederike Hönig und dem Organisationsteam dankte er für die langjährige Arbeit am Thema Europa.  

15 Mal gab es bereits diese Veranstaltungen, die Fragen des Zusammenlebens in Europa ins Zentrum rücken. Pfarrerin Hönig erinnerte in ihrer Begrüßung auch an André Lazerus, früher Pfarrer in Courbevoie, der Nachbarstadt von Wangens Partnerstadt La Garenne-Colombes. Mit Lazerus hatte sie gemeinsam das Konzept für die Europatage entwickelt. Er starb im November 2020.  Üblicherweise treffen sich die Europa-Interessierten in der Wittwaiskirche, nicht so in diesem Jahr.

Pfarrerin aus der Partnerstadt dabei

Pandemiebedingt wurde aus der Stadthalle gestreamt. Das wiederum ermöglichte auch Jane Strantz, der Nachfolgerin von André Lazerus die Teilnahme. Sie wurde herzlich begrüßt von Pfarrer Albrecht Knoch, der den zweiten Teil des Abends moderierte.Info: Da kurz vor Beginn die Leitung zusammenbrach, wurde die Veranstaltung von dem anwesenden Technikteam „Matthias Häußler – Film & Bild“ gerettet, indem es kurzerhand den Stream über eine häufig für Videokonferenzen genutzte Plattform im Internet platzierte. Der Stream wird jetzt bereit gestellt unter www.wangen.de/fairtradetown.