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Mittwoch, 5. Dezember 2018

Klosen-Sänger ziehen durch Wangen

Bildautor: ©Stephan Wiltsche

Auf den ersten Blick mag es ein schlichter Brauch sein. Doch leuchten die Augen bei vielen Bewohnern Wangens, wenn am Nikolaus-Abend, 5. Dezember, die Klosen-Sänger durch die Stadt ziehen. Diese Tradition gibt es nur einmal im Jahr und nur an diesem Abend.

Der Mantel lang, ein Hut auf dem Kopf – das Gewand der 20 Jungen und Männer im Alter von acht bis über 80 Jahren ist schlicht. A-capella singen die Klosen alte, deutsche Lieder, wie sie überliefert wurden. Sehr getragen, sehr feierlich mutet das an. Höhepunkt ist das „Nicolai Festo“, ein lateinischer Choral-Gesang aus dem 16. Jahrhundert. Die letzte Zeile endet auf Deutsch: „saeculorum saecula saeculorum steck`s in Sack!“ Gemeint sind die Gaben, die nun folgen sollen. Statt Naturalien geben die Zuhörer jetzt Geld. „Meist kommen an die 1000 Euro zusammen, die wir bedürftigen Familien spenden“, sagt Stephan Wiltsche. Er ist seit 18 Jahren dabei und mag diesen heimeligen Brauch sehr. 

Woher kommt der Brauch? 

Früher gab es ihn auch in anderen Reichsstädten. Einzig in Wangen jedoch hat sich dieser mittelalterliche Heische-Brauch erhalten. Ursprünglich waren es die Schüler der Lateinschule und seit 1590 auch die vier Patemisten-Sängerknaben der Spital-Kirche, die durch die Stadt zogen, sangen und dafür einen kleinen Obolus wie Äpfel, Nüsse, Wurst oder auch Geld bekamen. Als kleinen Zuverdienst für sich selbst. Ab 1920 übernahmen das die Volksschüler. „Anfang der 1970er Jahre wollte man modern sein. Viele Bräuche, die man damals für angestaubt hielt, hören in dieser Zeit auf, so auch das alte Klosen-Singen. Aber nicht für lange, denn schließlich führen die Sänger des Wangener Feuerwehr-Chores die Tradition fort, bis heute“, erklärt der Dekanatsreferent, der sich intensiv mit der Klosen-Geschichte beschäftigt hat. 

Premiere: das 8. Lied 

Stephan Wiltsche hat vergangenes Jahr in den Hinterlassenschaften der Nikolaus-Bruderschaft einen alten Liedzettel aus den 1930er Jahren gefunden, darauf das vierstimmige, fromme Lied „Ave Glöcklein, läutet still“. Doch niemand kannte mehr die Melodie. Daher musste man annehmen, dass sie den vormaligen Klosen-Sängern im Laufe der letzten 90 Jahre verloren gegangen war. Nun hat Wiltsche die Melodie recherchiert, jede Stimme einzeln eingesungen und per MP3 an alle Sänger verschickt. Ganz modern. Und so gibt es heuer eine Premiere: Das Repertoire wird um dieses Stück erweitert, die Tradition also wieder ergänzt, so dass dieses Jahr acht statt bisher sieben Lieder zu hören sind. Die mehrstimmigen Gesänge werden gut einstudiert und auswendig vorgetragen. Sie sind nicht immer ganz einfach zu singen. Deshalb werden auch nur gute Sänger zu den Klosen berufen. 

Quer durch die Stadt 

„Wir beginnen um 16 Uhr und besuchen zuerst die Senioren- und Pflegeheime. Dort warten schon viele Leute auf uns, die diesen Brauch noch aus ihrer Kindheit kennen. Manche, die durch Krankheit und Alter vor sich hindämmern, hören unsere Lieder und singen auf einmal mit. Das ist sehr berührend“, erzählt Stephan Wiltsche. Später, wenn es draußen dunkel ist, ziehen die Klosen-Sänger mit Laternen durch die Stadt, machen auf fünf bis sechs Plätzen Halt und singen auch in verschiedenen Gastwirtschaften. Fester Treffpunkt ist um 18 Uhr die Spital-Kirche, die nur von Kerzen erleuchtet ist. Hier singen sie alle acht Stücke, dazwischen erklärt Stephan Wiltsche kurz ihre Bedeutung und erzählt die Nikolaus-Legende. Anschließend setzen sie ihren Zug durch Wangen fort, ehe sie gegen 22 Uhr gemeinsam einkehren. Danach schweigen die Klosen – bis zum nächsten Nikolaus-Abend. 

Text: Silke Lorenz, Allgäu GmbH