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und Wohlfühlen
Montag, 22. Juni 2020

Museumsdepot erzählt Geschichte(n)

1. Die braune Schönheit wirbt auf einem Emaille-Schild für eine Sonnenmilch.

2. Diese Vitrine gehörte zum Mobiliar im ersten Heimatmuseum in der Herrenstraße. Heute ist sie selber ein Museumsstück.

3. Gerne haben sich früher Menschen malen lassen, so auch eine Reihe von Wangener Unternehmern, deren Porträts jetzt im Depot aufbewahrt werden.

4. Die Medaillensammlung beweist, dass Adler-Käse früher eine Käserei mit internationalem Ruf war. Bildautor 1-4: Stadt Wangen /Susanne Müller

5. Die 10 Zentimeter große Schildkröte wurde einem früheren Bürgermeister als Ratsglocke verwendet. Wenn man den Kopf drückt, klingelt sie. Bildautor: Irina Leist

Riesige Fortschritte hat das Museumsmagazin im Geschwister-Titscher-Haus in Primisweiler gemacht. Inzwischen ist im Erdgeschoss schon sichtbar, was es mit dem geplanten Schaudepot auf sich hat.

Denn in den neuen Räumlichkeiten sollen nicht nur die Bestände aus den verschiedenen provisorischen Unterkünften zusammengeführt, inventarisiert und aufbewahrt werden. Sie sollen auch der interessierten Öffentlichkeit bei Führungen gezeigt werden. Deshalb finden sich im Erdgeschoss in einer Reihe von Schränken und in Vitrinen interessante, aber auch originelle Stücke, die von der Geschichte der Stadt und vom Leben ganz allgemein erzählen. Möglich wurde die Einrichtung des Museumsdepots aus zwei Gründen. Erstens, weil Joseph Titscher der Stadt Wangen den Gebäudekomplex vermacht hatte, in dem jetzt auch der Bauhof und eine gewerbliche Nutzung eingezogen sind. Die Titschers betrieben dort ein Möbelgeschäft. Und zweitens, weil das Museumsdepot der Stadt Fördergelder der Landesstelle für Museumsbetreuung in Höhe von insgesamt 25 000 Euro erhalten hat und die Inneneinrichtung für 125 000 Euro mit 75 000 Euro vom Altstadt- und Museumsverein bezuschusst wurde. Das Schaudepot im Erdgeschoss hingegen ist ein Projekt des Altstadt- und Museumsvereins, das teilweise mit Geldern der EU als LEADER-Projekt finanziert wurde.

Britzebraune Schönheit

Passend zur Jahreszeit empfängt die Besucher ein Emaille-Schild, von dem eine tiefbraune Badenixe im gelben Badeanzug als Werbung für eine Sonnencreme lächelt. Wer alt genug ist, erinnert sich, in den 60er und 70er Jahren solche britzebraune Schönheiten schon einmal gesehen und selbige Sonnenmilch verwendet zu haben.  Ebenfalls passend zum Objekt präsentiert Irina Leist, die in Zusammenarbeit mit Stadtarchivar Dr. Rainer Jensch, Bauhofmitarbeitern und einer Reihe von Helfern einen großen Teil der Arbeiten im Depot erledigt, eine Kiste in Handtaschengröße zum Umhängen. Sie trägt die Aufschrift „Spende fürs Freibad“ und wurde vor rund 40 Jahren verwendet. Wer spendete, erhielt eine Anstecknadel. 

Der große Schauraum im Erdgeschoss ist in mehrere Nischen unterteilt. Neben dem Quarantäneraum, in dem neue Objekte behandelt werden, um eventuelle Schädlinge im Depot zu vermeiden, ist eine Ecke mit Kamera eingerichtet, in der die neuen Objekte samt Inventarisierungsnummer abgelichtet werden. Für die Besucher entscheidend sind jedoch die abgeteilten Räume in dem großen Raum. Im ersten Abteil steht eine Vitrine, die im ersten Heimatmuseum in der Herrenstraße genutzt wurde, um Objekte auszustellen. Dafür wäre sie heute in einem Museum nicht mehr geeignet, wie Irina Leist sagt. Doch hier kann sie noch genutzt werden und zeigt wie auch Einrichtungsgegenstände zu Museumsstücken werden. Die Vitrine enthält eine alte Radschlossbüchse, die ursprünglich in einem Schrank im Rathaus gelagert war. 

Von Männersachen und Weiberkram

In der nächsten Abteilung befinden sich Schränke, die „Männersachen“ oder „Weiberkram“ enthalten. Die Begriffe fordern zur Debatte heraus und sollen das auch. Denn es ist gedacht, dass die Türen der Schränke bei Führungen geöffnet werden und anhand von einzelnen Stücken Geschichte(n) erzählt werden. Dabei kann natürlich auch diskutiert werden, wieso Militärutensilien in einem Männersachen-Schrank liegen und modische Accessoires den Frauen zugeordnet werden.

Kuriositäten mit interessantem Hintergrund

Geschichten gibt es zuhauf in diesen Räumen und Kuriositäten ebenso. Rainer Jensch weist OB Lang auf eine etwa 10 Zentimeter große Schildkröte hin, die auf einem Tisch steht. Wenn man den Kopf drückt, klingelt das gute Stück. Sie diente einem der Vorgänger Langs als Ratsglocke während der Sitzungen. An einer Wand hängt ein Schulsparautomat, in den Schüler ein 50 Reichspfennig-Stück einwerfen und dabei eine Karte abstempeln konnten. War die Karte voll, konnten sich die Kinder auf der Bank oder bei der Sparkasse eine kleine Belohnung abholen. Und noch ein Teil der Wangener Wirtschaftsgeschichte wird hier präsentiert: In einer Vitrine liegen Medaillen, mit denen die Produkte der ehemaligen Käserei Adler beim Bahnhof auf internationalen Messen und bei Wettbewerben ausgezeichnet wurden. 

Große Energieleistung

Nach einem Rundgang im ersten Stock des Gebäudes, wo neben Gemälden, Schützenscheiben, Möbeln, Epitaphen und Gegenständen aus fast allen Lebenslagen und historischen Episoden der Stadtgeschichte verwahrt werden, zeigte sich Oberbürgermeister Michael Lang begeistert. „Es ist eine unglaubliche Arbeit und Energieleistung, die in diesem Depot steckt. Ich hätte bei der Vielzahl der Gegenstände nicht gedacht, dass alles schon so weit ist“, sagte OB Lang.

Inventarisierung kostet noch viel Zeit

Doch am Ende ist die Arbeit noch lange nicht, denn parallel zur sachgerechten Lagerung der Objekte läuft auch die Inventarisierung. Das wiederum bedeutet, dass jedes Objekt samt Inventarisierungsnummer, Schranknummer und Schrankfach in einem speziellen Computerprogramm eingetragen wird, damit es jederzeit gefunden werden kann. Eine Reihe von Museen in der Region verwenden ebenfalls dieses Programm, so dass künftig auch Informationen über die einzelnen Sammlungen einfach ausgetauscht werden können. So werden in der Zukunft Ausstellungen zu bestimmten Sachthemen möglich, zu denen Stücke aus der Region zusammengetragen werden.