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Mittwoch, 3. Juli 2019

Politik trifft Natur - Umweltminister informiert sich bei Ortstermin

Ein schönes Exemplar des Goldenen Scheckenfalters hatte Dr. Thomas Bamann, Artenschutzexperte beim RP Tübingen (Zweiter von rechts) gefangen, das Minister Franz Untersteller interessiert betrachtet. Im Hintergrund Landrat Harald Sievers, ganz rechts Regierungspräsident Klaus Tappeser.

Einen nach eigenen Worten „spannenden Besuch“ hatte jetzt Umweltminister Franz Untersteller vor sich, als er das Naturschutzgebiet Rotasweiher-Degermoos ansteuerte. Er machte sich ein Bild von der Wirkung, die das Sonderprogramm des Landes zur Stärkung der biologischen Vielfalt auf den Erhalt der Artenvielfalt hat.

Um die Artenvielfalt historisch gewachsener Kulturlandschaften zu fördern, führt das Regierungspräsidium Tübingen im Rahmen dieses Sonderprogramms großflächig Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen in Naturschutzgebieten mit Niedermoorflächen durch. Die natürlichen Lebensräume vieler gefährdeter Tier- und Pflanzenarten, wie des vom Aussterben bedrohten Schmetterlings „Goldener Scheckenfalter“ oder seltener Pflanzenarten wie des „Glanzstendels“, werden durch das Programm deutlich aufgewertet, wie sich bei der Exkursion ins Moor zeigte.

Extensive Nutzung

Quer durch feuchte Wiesen ging es, um das zu sehen, was der Minister dem Niedermoor zuvor bescheinigt hatte: Es handelt sich um ein Naturschutzgebiet, das außerdem Teil des FFH-Gebiets „Obere Argen und Seitentäler“ ist und von extensiver landwirtschaftlicher Nutzung, vor allem Streumahd, geprägt ist. Es dient bedrohten Arten der Flora und Fauna als Heimat, und es ist Teil des Artenschutzprogramms des Landes Baden-Württemberg zur Erhaltung besonders stark gefährdeter Arten der Roten Liste. 

Das Land engagiere sich in diesem Bereich schon länger. Seien 2011 für den Artenschutz 30 Millionen ausgegeben worden, so seien es derzeit 60 Millionen – und so hofft der Minister, bald 90 Millionen Euro. Dass das Geld gut angelegt wäre, begründet Untersteller unter anderem mit der inzwischen öffentlich geführten Diskussion um den „dramatischen Verlust von Arten“. Jedoch sei es gerade in diesem Zusammenhang wichtig, auch auf Erfolge hinzuweisen: Sie stellten sich immer dann ein, wenn Naturschutz, Forst und Landwirtschaft, aber auch die Verwaltungen gut zusammenarbeiten. Wichtig sei es auch, wenn diese sich auf Erfahrungen der vielen im Naturschutz ehrenamtlich tätigen Menschen stützen könnten. So konnte im Landkreis Ludwigsburg nach seinen Worten die Population der Steinkäuze von acht auf 250 Paare angehoben werden.

Eins der Programme, die auf diesem Gebiet erfolgreich wirkten, sei das Sonderprogramm zur Stärkung der Biodiversität, das gemeinsam von Umwelt-, Landwirtschafts- und Verkehrsministerium getragen und durch ein Gremium von Fachleuten überprüft werde. Zunächst war dieses Programm nur für zwei Jahre gedacht, nun soll es aber nach dem Willen des Ministers verlängert werden. 

RP-Präsident dankbar für Programme dieser Art

Regierungspräsident Klaus Tappeser zeigte sich dankbar, dass in den Schwerpunktregionen, wo großer Flächenhunger bestehe, mittels solcher Programme wenigstens ein bisschen Ausgleich möglich sei. Die besondere Bedeutung des ausgewählten Moors hob auch Landrat Harald Sievers hervor. „Rechtlich hoch geschützt“ sei das Gelände und seit 2013 auch von einem Landschaftsschutzgebiet umgeben, sagte er. Sievers dankte für die Unterstützung von Landesseite und hob die Kooperationen des Landkreises mit der Sielmann-Stiftung hervor, um durch gezielte Maßnahmen die Artenvielfalt noch zu steigern. „Nun warten wir sehnlichst auf eine Naturschutzkraft“, sagte er. Sie soll – finanziert vom Land - das Bau- und Umweltamt beim Landkreis verstärken.

Wer keine Gummistiefel trug, holte sich bei der Exkursion durchs Niedermoor nasse Füße. Das Moor wurde bis zum Ende der Säkularisation im 18. Jahrhundert als Weiher zur Fischzucht genutzt, darauf folgte die Anlage von Streuwiesen, wie der Referatsleiter des Referats für Naturschutz und Landschaftspflege am Regierungspräsidium Tübingen, Dr. Burkhard Schall, ausführte. Die Streuwiesen, die nur einmal im Jahr von Landwirt Stefan Hofer aus Engetsweiler gemäht werden, sind Lebensraum für viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten und stehen teilweise unter Wasser. 60 Pflanzenarten, die hier gedeihen, stehen auf der Roten Liste. Auf acht Pflanzen lege das Artenschutzprogramm den Fokus, wie der Artenschutzreferent des Referats, Dr. Thomas Bamann, sagte. Bei den Ausführungen durch ihn und Alfred Buchholz, der über den tatsächlichen Effekt der Förderprogramme vor Ort wacht, zeigte sich: Der Artenreichtum ist so groß und vielfältig, dass manche Pflanzen in Konkurrenz zueinander stehen. Wo die eine einen nassen Untergrund braucht, bevorzugt eine andere eher trockenen Boden. Das heißt auch: die Fachleute müssen sich bemühen, den verschiedenen Ansprüchen der einzelnen Arten gerecht zu werden, um möglichst vielen Pflanzen- und Tierarten geeignete Lebensbedingungen zu bieten.  

Seltene Tiere

Sehr selten sei es, dass in einem vergleichsweise warmen Gebiet wie dem Rotasweiher-Degermoos Kreuzottern vorkommen. „Sie bevorzugen eher kühlere Regionen um Kißlegg und Isny“, sagte Bamann. Zu finden sind aber auch Laubfrösche und „Kleine Wasserfrösche“. Sie waren dann auch an den Torfstichgewässern laut vernehmlich zu hören. Für die Laien kurz eingefangen wurde vom Artenschutzexperten nicht nur eine Libelle der Art „Große Moosjungfer“, sondern auch ein Goldener Scheckenfalter.

Wie sehr sich die Landwirtschaft in dem Gebiet verändert hat, erzählte Stefan Hofer. Als seine Familie 1977 den Hof in Engetsweiler übernahm, bewirtschafteten zehn Familien das Gebiet. „Da packte beim Mähen jeder an, der einen Rechen in die Hand nehmen konnte“, sagte er. „Heute bin ich allein und bearbeite das Gebiet mit einem eigens dafür angeschafften leichten Schlepper.“