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Sonntag, 18. November 2018

Spannender Blick in die Wirtschaftsgeschichte

Krisen und technischer Fortschritt sind in der Geschichte sehr oft Kräfte, die eine Entwicklung auslösen oder voranbringen. Das war auch in Wangen so, wie Stadtarchivar Dr. Rainer Jensch bei einem Vortrag zur Wirtschaftsgeschichte vor dem Wangener Wirtschaftsreis zeigte.

Im Mittelalter bestimmten Handwerker und Kaufleute das Wirtschaftsleben in der prosperierenden Reichsstadt, die an „der zentralen Handelsachse lag, bevor Amerika entdeckt wurde“, wie Jensch ausführte. Der Markt in der Herren- und Paradiesstraße blühte, die Tuche aus Wangener Webereien fanden Abnehmer bis in Spanien, Sensen aus den Wangener Eisenhämmern waren ein begehrtes Gut. Metzger und Bäcker stellten die Ernährung der Bevölkerung und der vielen Besucher in der Stadt sicher, und es gab unter ihren Dächern auch zahlreiche Beherbergungsbetriebe. Neben den Gaststätten arbeiteten auch eine Reihe von Brauereien. Mit der Brauerei Lanz hörte die letzte von ihnen in den 1960er Jahren auf zu bestehen. Die Papiermühlen lieferten Papier in einer Qualität, wie sie Merian für seine Stiche verwendete. Im Süden der Stadt lagen „jede Menge Weiher, die viele Fische lieferten“, wie Jensch sagte. 

Der große Einschnitt kam mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1618 – Wangen verfiel in einen Dämmerzustand. Er hielt an bis zum Jahr 1863. Damals zog in Wangen mit der Gründung der Baumwollspinnerei die Industrie ein. Ein Grund, weshalb Wangen erst so spät an dieser Entwicklung teilhatte, lag in der Tatsache begründet, dass auch die Eisenbahn erst sehr spät nach Wangen kam. Der nächste Bahnhof lag im bayerischen Hergatz. "In zahlreichen Bittprozessionen" seien die Wangener nach Stuttgart gereist, um auch für Wangen den Bahnanschluss zu erreichen, sagte Jensch. 1876 wurde der Anschluss genehmigt, 1890 war dann auch der Anschluss bis Hergatz vollzogen. „in der Folge hat sich die Stadt stark verändert“, sagte Jensch. „Mit der Eisenbahn explodierte Wangen und holte in zehn Jahren alles auf, was 100 Jahre vorher versäumt worden war.“ 

Fontäne soll Kraft des Wasserdruck zeigen

So wurde die Stadt auch ans Trinkwasser angeschlossen. Der Brunnen auf dem Marktplatz hatte eine Fontäne, die sehr hoch schoss. „Die Wangener sollten sehen, dass der Druck so hoch ist, dass das Wasser bis in den dritten Stock steigt“, erläuterte Jensch. Die Elektrifizierung der Stadt kam genau vor 125 Jahren und die Isnyer Brücke – eine überdachte Holzkonstruktion – wurde 1905 durch ein Betonbauwerk ersetzt. Viele und bedeutende Firmen wurden gegründet: Der Schweizer Alfons Simonis baute die Zellstofffabrik auf und kaufte in Beutelsau die Säge. Molkereien entstanden, die unterschiedliche Arten von Käse herstellten. Unter den Gründern waren auch die Brüder Wiedemann, die Schmelzkäse produzierten und damit den internationalen Markt belieferten. In einem Punkt hatte die Bahn allerdings Nachteile: Bis zum Bau des Bahnanschlusses lieferten die Bauern aus der Region Getreide in die Schweiz. Als die Bahn auch über Wangen fuhr, kauften die Schweizer woanders, wo es billiger war. Ein Grund, weshalb die Landwirtschaft immer mehr auf intensive Viehwirtshaft umstellte. 

Viele Gründungen

Weitere Gründungen folgten: Waldner und die Maschinenfabriken entstanden. Das heutige Jugendhaus war einstmals eine Strumpfwarenfabrik. Das Gebäude wurde von der Familie Dreher übernommen, die dort ihr  Autohaus gründete. Die Papierfabrik Sigmanns wurde 1917 an die Erba verkauft. Dort entstand die Ausrüstung. 

Kriegsproduktion auch in Wangen

Mit „Wirtschaft in schweren Zeiten“ bezeichnete Jensch den Einschnitt durch die beiden Weltkriege. Wangen fiel mit dem Ersten Weltkrieg in eine schwere Krise. Die Inflation beraubte schließlich viele Menschen und Unternehmen ihrer wirtschaftlichen Grundlage. Im Zweiten Weltkrieg galten die Käsereien als kriegswichtige Betriebe, weil sie Trockenkäse herstellten, der bis an die Front geliefert werden konnte. In den Erba-Hallen produzierte Dornier Flugzeugrümpfe für die Do17 und in der Ausrüstung konstruierte die Firma Maybach aus Friedrichshafen die „Königstiger 3“ genannten Panzer. Das Kriegsende ging einher mit dem Sprengen von Brücken und der Demontage von Industrieanlagen.

Nach dem Krieg feierte man im Jahr 1950 ein großes Fest zu „800 Jahre Wangen“. Es war das erste Fest für alle seit langem. Der Slogan „In Wangen bleibt man hangen“ entstand als Teil des Tourismus-Marketings. „In dieser Zeit greift man baulich über den Bahndamm im Süden hinaus“, sagte Jensch. Der Bauhof wurde dort erstellt und Zweirad Schek ließ sich dort nieder. Waldner vergrößerte sich, indem das Unternehmen neue Produkte auf den Markt brachte wie den Fliegenpilz. Viele neue Firmen entstanden. Und die Stadt wuchs: die Wittwaissiedlung entstand ebenso wie die Künstlersiedlung auf dem Atzenberg. In der Praßbergsiedlung wurde das wfv-Hotel gebaut. Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre wurde die Wohnsiedlung „Am Waltersbühl“ entwickelt.  

Gemeindereform bringt Einschnitt

Die nächste Zäsur brachte die Gemeindereform, die dafür sorgte, dass in den Ortschaften die Infrastruktur aufgewertet wurde, wie Jensch schilderte. Außerdem entstand als „Jahrhundertprojekt“ das Klärwerk Pflegelberg. Mit der Insolvenz der Zellstofffabrik auf dem Atzenberg wurde sehr viel Fläche frei, die dann zum Gewerbegebiet umgeplant wurde. Im Einzelhandel zogen Selbstbedienungsläden ein. Als 1982 die Gallusbrücke gebaut wurde, floss der Verkehr endlich an der Wangener Altstadt vorbei. Und als 1990 die Autobahn um Wangen herumführte, waren auch die Zeiten des Dauerstaus vorbei. Die Industrie folgte den neuen Verkehrswegen, indem in Geiselharz–Schauwies ein neues Gewerbegebiet erschlossen wurde. 

Das Ende von Bel Adler an der Ravensburger Straße brachte den Umbau in eine Wohnanlage. Auch die ehemalige Erba wird in Teilen zum Wohngebiet. Jedoch wird dort auch Gewerbe einziehen, so dass Leben und Arbeit wie vor 100 Jahren an einem Platz stattfinden kann. „Es bleibt weiter spannend“, sagte Jensch.