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Donnerstag, 30. Mai 2013

Stadtwerke übernehmen Wasserkraftwerk

Die Wangener Energiewende geht weiter. Die Stadtwerke haben das Wasserkraftwerk T 9 in Niederwangen gekauft. Der bisherige Eigentümer hat sich nach längeren Verhandlungen zum Verkauf entschlossen. Die offizielle Übergabe wird Anfang Juli sein.

Nach den Anlagen T 4 in der ehemaligen Erba-Ausrüstung (heute NTW) und T 8 im Erba-Spinnerei-Gelände kommt nun also mit dem T 9 das dritte Wasserkraftwerk in den Besitz der Stadtwerke Wangen im Allgäu. Für sie bildet es einen Mosaikstein, der die Sanierung des Argenwehrs bei der Isnyer Brücke, den Bau der Fischaufstiegshilfe und des Mindestwasserkraftwerks komplettiert. 800 Liter Wasser pro Sekunde – aufgrund der langen Ausleitungsstrecke weit mehr als das übliche Maß – werden zukünftig in der Oberen Argen belassen, damit die Fische bis zum Argenwehr aufsteigen können.

Ökologische Durchgängigkeit gesichert

Zusammen mit dem für den Fischaufstieg gebauten Umgehungsgerinne am Argenwehr wird somit die durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie geforderte ökologische Durchgängigkeit am Argenwehr hergestellt. Weil derzeit die Argen im Sommer unterhalb des Wehrs oft wochenlang trockenfällt, dies aber nun vermieden werden soll, wird zukünftig weniger Wasser durch den beim Argenwehr abzweigenden Kanal fließen.

Das bedeutet: Die Turbinen, die von diesem Wasser angetrieben werden, erbringen zukünftig nicht mehr denselben Energieertrag wie jetzt. Es sei denn, man investiert kräftig. Für Max Braun und seine Familie war es deshalb eine Frage der Wirtschaftlichkeit, das eigene Kraftwerk zu verkaufen.

Zu ungewiss

Um den absehbaren Verlust an Jahresarbeit auszugleichen, hätte Braun seine Anlage mit erheblichem finanziellem Aufwand renovieren müssen. Ob sich diese Investition aber für ihn, der bald an die Rente denkt, und die Familie je rentiert hätte, war nicht absehbar. Erst nach Jahrzehnten hätte sich der Aufwand wahrscheinlich gelohnt. Zu ungewiss war das der Familie.

Mit dem Verkauf an die Stadtwerke ist die Nachfolgefrage aber auf lange Sicht geklärt und daran liegt auch dem bisherigen Eigentümer. Dass die Stadt Wangen mit ihrem Eigenbetrieb der Käufer ist, freut Braun ebenfalls. Denn so ist gesichert, „dass mit dem Wasserkraftwerk nicht spekuliert wird“, wie er sagt.

Weiterer Meilenstein

„Für die Stadtwerke Wangen im Allgäu ist es ein großer Vorteil, nun selber Eigentümer der Anlage zu sein“, sagt Diplomingenieur Urs Geuppert von den Stadtwerken. Denn die Rechtslage wäre verzwickt gewesen, wäre der Kaufvertrag nicht zustande gekommen. Das kommunale Unternehmen sichert sich mit dem Ankauf gegen jede Art von Ansprüchen ab und kann gleichzeitig einen weiteren Meilenstein setzen auf dem Weg zur Eigenversorgung mit Strom aus Wasserkraft.

Was den Ertrag betrifft, so haben auch die Stadtwerke den Vorteil des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) auf ihrer Seite. Derzeit beträgt die Einspeisevergütung für jede aus Wasserkraft erzeugte Kilowattstunde 7,67 Cent. Durch die ökologische Modernisierung am Argenwehr wird zukünftig auch das T 9 eine Vergütung von 12,57 Cent je Kilowattstunde erhalten. Wenn das EEG einmal auslaufen sollte und es für die selbst erzeugte Energie keine Umlage mehr geben sollte, dann bleibt als Nutzen noch immer die Tatsache, dass dann die entsprechende Strommenge nicht teuer auf dem Energiemarkt eingekauft werden muss, wie Geuppert erläutert.

Langfristig lohnend

Wie langfristig lohnend eine Investition in die Wasserkraft sein kann, beweist das T 4. Urs Geuppert: „Turbine und Generator in der Ausrüstung liefen von 1918 bis 1999 mit einer einzigen größeren Revision. Wenn man dann noch bedenkt, dass nach der üblichen kaufmännischen Betrachtung eine neue Turbine bereits nach 22 Jahren abgeschrieben sein sollte, erkennt man, dass es sich hier um sehr langfristig Ertrag bringende Investitionen handelt.“

Lange Tradition

Das Wasserkraftwerk in Niederwangen hat eine lange Tradition. Schon im 14. Jahrhundert wurde dort die Wasserkraft in einer Mühle genutzt. Das Kraftwerk ist historisch bedeutsam, denn von diesem Standort aus erhielt die Ortschaft Niederwangen ihren ersten Strom. Auch Wangen selbst war Vorreiter bei der Nutzung der Elektrizität: Noch vor Stuttgart beleuchtete hier ab 1893 elektrisches Licht die Straßen, erzeugt durch die Kraft der Argen.

1947/48 wurden das Gebäude und die Turbine des Kraftwerks T 9 komplett neu am derzeitigen Standort errichtet.  Eine Kaplanturbine von Escher Wyss und ein Lahmeyer-Generator wurden eingebaut. Der Maschinensatz ist demnach gleich alt wie jener im T 8 in der Erba, der im Herbst ausgewechselt wird.

Das Kraftwerk T 9 erbringt derzeit einen Stromertrag von rund 500.000 bis 600.000 Kilowattstunden pro Jahr, bei einer Leistung von 80 bis 90 Kilowatt.

Nachrüstungen vorgesehen

Die Stadtwerke Wangen im Allgäu werden jetzt die entsprechenden Nachrüstungen am Kraftwerk T 9 vornehmen, damit es vollautomatisiert betrieben werden kann und der Betreuungsaufwand sinkt. Komplett saniert wird es erst in ein paar Jahren. Denn zuvor sind im Wirtschaftsplan der Stadtwerke die Sanierungen von T 8 (2013) und T 4 (2014/15) vorgesehen.