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Montag, 15. Juli 2019

Thomas Walther mit Bundesverdienstkreuz geehrt

Oberbürgermeister Michael Lang übergibt Thomas Walther die Urkunde und das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Das Publikum applaudiert lange im Stehen.

Professor Dr. Cornelius Nestler spricht die Laudatio.

Thomas Walther und seine Schwiegermutter, die Auschwitz-Überlebende Eva Pussztai-Fahidi.

Carmen Wennmacher und Constantin Ganß lesen, jeweils anmoderiert von OB Michael Lang, Zitate aus Briefen über Thomas Walther

Mit Thomas Walther ist in Wangen ein Mann mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden, der durch seine unermüdliche Arbeit nicht nur die Rechtsprechung in Bezug auf NS-Verbrechen verändert hat, sondern einen wichtigen Beitrag zur Gerechtigkeit in Deutschland geleistet hat.

Oberbürgermeister Michael begrüßte mit Thomas Walther, seiner Familie, Freunden und Wegbegleitern auch zahlreiche Opfer und Nachkommen von Opfern des NS-Regimes. Thomas Walther habe gezeigt, dass „unser Land willens ist, die Verbrechen der damaligen Zeit juristisch zu verfolgen“, sagte Lang. Dass Thomas Walther das Bundesverdienstkreuz am Bande von Bundespräsident Steinmeier verliehen wurde, mache diesen Tag zu einem „guten Tag für die Gerechtigkeit“.

Hohe Ehrengäste

Er skizzierte den zu Ehrenden als Mann, der vier Kinder alleine großzog – neben seinem Beruf als Amtsrichter in Lindau. Thomas Walther gehörte zu den ersten Wangener Bürgern, die er kennenlernte. Bei einem Ortstermin mit der Vorstandschaft der Reiter seien sie sich 2001 begegnet. Die Anregung für diese Auszeichnung sei von Andrea Auer ausgegangen. Ebenfalls unter den Gästen waren Ministerialdirigent Peter Häberle vom Ministerium für Justiz und für Europa Baden-Württemberg, Oberstaatsanwalt Jens Rommel, bisher Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zu Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg und inzwischen gewählt zum Bundesrichter am Bundesgerichtshof, sowie Oberstaatsanwalt Dr. Jens Lehmann, Generalstaatsanwaltschaft Celle.

Gearbeitet bis zur Erschöpfung

In seiner Laudatio auf Thomas Walther hob dessen Kollege und Wegbegleiter Professor Dr. Cornelius Nestler die unermüdliche Arbeit hervor, die Thomas Walther zum Teil bis zur Erschöpfung machte. Man hatte ihn in Ludwigsburg, wo er zum Ende seiner Juristenlaufbahn im Sinne der Gerechtigkeit arbeiten wollte, zunächst buchstäblich auflaufen lassen. Denn man hatte ihm deutlich gemacht, dass es keine Vorermittlungen zu NS-Verbrechen mehr geben werde. Das war 2006. „Ludwigsburg war in behördlicher Routine erstarrt“, sagte Nestler. Aber „Routinen zu befolgen, hindert nicht daran, eigenen Vorstellungen nachzugehen.“

Besonders kreativ gearbeitet


Dabei habe Thomas Walther ein „besonderes Extra an Intuition gehabt“ und sei besonders kreativ vorgegangen. So sei die Verhandlung gegen „Ivan, den Schrecklichen“, den ukrainischen Wachposten Ivan Demjanjuk in München zu einer Lehrstunde für die kommenden Jahre geworden. Vor allem durch die Aussagen der Nebenkläger an zwei Prozesstagen sei es gelungen, die öffentliche Meinung zu gewinnen. Nestler, so sagte er, sei damals schon der Ansicht gewesen, dass Thomas Walther für seine Arbeit das Verdienstkreuz gebühre. Für die dann folgenden Prozesse gegen weitere ehemalige Wachmänner sei der Fall Demjanjuk der „Türöffner“ gewesen. Um weiterer Männer habhaft zu werden, sei Thomas Walther zu einem extrem guten Rechercheur geworden. Er nutzte gute Kontakte nach Israel und in die USA und fährt auch dorthin. Von den Menschen die Geschichten zu erfahren gelänge nur, wenn man auch bereit sei zuzuhören. Dies sei schwierig, erfordere Zeit und Empathie, sagte Nestler.

Ein biografischer Glücksfall


Als im Fall des KZ-Wachmanns Breyer die ungarische Justiz helfen und Aussagen von Opfern aufzeichnen  sollte, dann aber diese Opfer bedrohte, polizeilich zur Aussage vorgeführt zu werden, ließ Thomas Walther alles stehen und liegen und fuhr los. „Es wird sein biografischer Glücksfall“, sagte Nestler, denn dort lernt er seine Frau Judit Lucacs kennen.

Ohne Vergangenheit keine Gegenwart

Im Fall des Oskar Gröning gelingt es der Nebenklage 53 Personen aufzubieten, die meisten Überlebende von Auschwitz. Thomas Walther habe für eine ausgeklügelte Logistik gesorgt, um die Menschen zum Gerichtssaal zu bringen, er sorgte für Ruheräume und für gemeinsame Abendessen, die auch andere Gespräche zuließen als nur solche über den „Fall“. „Bester Beleg für den Erfolg ist, dass die Nebenkläger sich bereit erklärten, ein zweites Mal im folgenden Jahr wiederzukommen und in Detmold im Fall Hanning auszusagen. Thomas Walther habe gesagt: „Ich habe bei der Betreuung doch nur meinen Job gemacht.“
Der Laudator wandte sich schließlich direkt an den zu Ehrenden: „Was du in den letzten zehn Jahren geleistet hast, ist ganz außerordentlich. Du hast demonstriert, dass in einer Justiz, die strukturell konservativ ist, ein Einzelner doch sehr Weitreichendes erreichen kann.“ Seit 2006 sei viel geschehen. Unter anderem habe auch der Antisemitismus zugenommen. Umso wichtiger sei es, die Vergangenheit nicht zu vergessen. In Anlehnung unter anderem an den amerikanischen Autor William Faulkner verwies er auf eine geeignete Erinnerungskultur. „Die Erinnerung an die Vergangenheit ist Gestaltung der Gegenwart“, sagte Nestler.

Zitate aus Briefen über Thomas Walther


Viele waren noch zur Feier in Wangen eingeladen, die den weiten Weg nicht machen konnten. Aus deren Briefen, die von der großen Wertschätzung gegenüber Thomas Walther zeugten, lasen Abiturientin Carmen Wennmacher und Constantin Ganß, der 2017/18 als Entsandter von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in der Zentralen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Dienst tat und Holocaust-Überlebende besuchte. Die Zitate finden Sie hier

Als Überraschung berichtete OB Lang auch von einem Brief der erst kurzfristig eingegangen sei - vom  kanadischen Premierminister Justin Trudeau.

Nachdem Oberbürgermeister Michael Lang die Urkunde und den Orden übergeben hatte, gratulierte die Schwiegermutter Thomas Walthers, Eva Pusztai-Fahidi, aus Budapest. Sie hat Auschwitz überlebt und gehörte zu jenen Zeugen, die im Fall Gröning aussagten. Sie sagte: „Es war für mich eine große Genugtuung, dass ich vor einem deutschen Gericht aussagen konnte.“ Im Hinblick auch auf andere Prozesse sagte sie: „Es ging allen Überlebenden darum, dass ein deutsches Gericht diese Menschen verurteilt.“ 

"Viel schöne Klaviermusik"

Mit Blick auf ihre Tochter, die bereits wieder am Flügel saß und darauf wartete, den Saal mit ihrem wunderbaren Spiel zu füllen, wünschte sie ihrem Schwiegersohn, dass ihm noch „viel schöne Klaviermusik“ vergönnt sei.

Erinnerung an die Opfer

Thomas Walther ergriff schließlich selber das Wort.  Professor Nestler und er hätten stets den Satz gelebt: „Gerechtigkeit ist den Opfern geschuldet.“ Er erinnerte an die Menschen, die ihm „ans Herz gewachsen sind“: An Gilic, die achte Jahre jüngere Schwester von Eva Pusztai-Fahidi, die  in Auschwitz ermordet wurde. Oder Aniko Glied, die durch den Nazi-Terror getötete Schwester von Bill Glied, der später ein enger Freund und Vertrauter von Thomas Walther wurde.

Entmenschlichung nimmt Fahrt auf

Die Mehrheit der Deutschen bezeichne diese Erinnerung als beschämend, sagte Thomas Walther. Aber er berichtete auch von einer Begebenheit in Dresden. Dort hatte er im März 2016 – auf dem Höhepunkt der Pegida-Demonstrationen - einen Vortag gehalten. Drei Tage später fixierte ihn und seine Begleitung ein Mann auf der Straße, steuert direkt auf sie zu und raunte ihnen zu: „Am Montag gehört die Straße wieder uns.“ Dass nun auch bei uns die Statistik immer mehr antisemitisch motivierte Straftaten ausweist, beobachtet er ebenso mit Sorge und Entsetzen wie jene Mordtaten gegenüber Juden in den USA, Frankreich und anderswo. „Die Entmenschlichung nimmt Fahrt auf“, sagte er.

Langer Applaus

Dabei trieb ihn – Thomas Walther - immer wieder die Frage um, wie liebevoll und freundlich viele Menschen jüdischen Glaubens über Deutschland sprechen. „Niemand kann im Hass überleben“, sei ihm gesagt worden. Sein Freund Bill Glied habe gesagt: „Ich bin ein Jude, weil ich glaube, dass alle Menschen im Angesicht Gottes geschaffen sind und deshalb sind mir Rassismus und Diskriminierung total fremd.“ Er schloss mit den Worten: „Ich wünsche mir für dieses Zusammensein mit frohem Mut die Zukunft, von der wir alle träumen.“ Das Publikum erhob sich von den Sitzen und applaudierte ihm lange und herzlich.