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Sonntag, 12. Juli 2020

Wasserkraftanlage T4 nimmt ihren Probebetrieb auf

Es war ein bedeutsamer Moment in der Geschichte der Wasserkraft in Wangen: Am Dienstagnachmittag, 7. Juli 2020, gegen 15.30 Uhr setzte Oberbürgermeister Michael Lang den Probebetrieb des Wasserkraftwerks T4 im ehemaligen NTW-Gelände in Gang.


Er wird rund sechs Wochen dauern, in denen das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten getestet und optimiert wird. Von der Inbetriebnahme des Kraftwerks am Wehr zwischen Vorderem Ebnet und Argeninsel bis zu diesem Zeitpunkt sind genau sechs Jahre vergangen. In dieser Zeit wurden von den Stadtwerken Wangen insgesamt vier Wasserkraftanlagen ertüchtigt oder neu gebaut, wie Oberbürgermeister Michael Lang sagte. „Diese große Leistung war nur möglich, weil wir an den Baustellen hervorragende Planer, Ingenieure und Mitarbeiter mit großer Begeisterung für die Wasserkraft und dem entsprechenden Wissen darüber hatten.“ 

Die gesamte Baustelle zog sich vom Wehr in Epplings zum Kanal, der mittels eines Dükers unter der Oberen Argen angebunden wurde, bis hinunter zum Turbinenhaus der ehemaligen NTW. „Der Düker ermöglichte die Reaktivierung des Kanals, die wiederum für die Bewohner des Bereichs „Am Kohlplatz“ ein Mehr an Sicherheit bedeutet. Denn bei Hochwasser kann auch keinen Rückstau mehr geben“, sagt Urs Geuppert, Leiter der Stadtwerke Wangen im Allgäu. Das Pfingsthochwasser 1999 hatte die damalige Kanalbrücke zerstört.

Auch der Bolzplatz in Epplings müsste künftig von Hochwasser verschont bleiben.Während die Außenanlagen noch fertiggestellt werden, wird die optisch schöne und technisch anspruchsvolle Baustelle nun in ihren Funktionen getestet. Dies kann auch bedeuten, dass kurzzeitig das Wasser im Kanal nochmals abgelassen wird. Schon jetzt ist sichtbar, wie sehr das Gebiet von der neuen Anlage profitieren wird. Ökologisch aufgewertet wird sie durch den Bau eines Umgehungsgewässers und die Abgabe einer hohen Mindestwassermenge. So wurde rechts eine Fischaufstiegshilfe und links beim Geschiebeschütz eine Abstiegshilfe gebaut. 330 Liter pro Sekunde müssen für den Fischaufstieg vorhanden sein und 800 Liter pro Sekunde müssen am Wehr in die Argen abgegeben werden.

Das Schütz zum Fischpass geöffnet

Oberbürgermeister Michael Lang und Urs Geuppert legten beide Hand an, um das Schütz anzuheben, das die Fischaufstiegshilfe mit Wasser versorgt. Im Hochwasserfall wird es abgelassen und damit der Zufluss gestoppt. Neben der technischen Anlage auf der flussabwärts gesehen linken Seite führt eine Treppe hinunter an die Obere Argen auf eine Kiesbank, die sicher in den kommenden Wochen gerne für kleine Badeausflüge genutzt werden wird. Daneben befindet sich - ganz ähnlich wie an der Argeninsel – ein Rechen und ein Geschiebeschütz. Der Rechen sorgt dafür, dass Schwemmgut und Fische nicht in den Kanal geraten.

Das Geschiebeschütz daneben ist groß genug, um auch dickes Geröll durchzulassen. Der alte Wehrkörper im Fluss wurde neu aufbetoniert und durch ein Schlauchwehr ergänzt. Der Schlauch wird mit Hilfe einer Pumpe mit Wasser auf bis zu einem Meter Höhe aufgefüllt und kann bei Hochwasser ganz einfach abgelassen werden.Vom Wehr führt ein angenehmer Fußweg vorbei an den alten Balken und einem alten Schütz von der Vorgängeranlage von 1873, dem Bolzplatz und Schrebergärten, die von den Nutzern mit großer Sorgfalt angelegt wurden. Ein oberirdischer kleiner Bach wird gespeist von einem Gewässer vom Atzenberg. Darunter liegt eine Rohrleitung mit einem Durchmesser von 2,70 Metern, durch die das Argenwasser zum Düker und in den offenen Kanal geleitet wird. 

Historische Bauten

Die Betonqualität des Kanals hatte sich nach dem Säubern als so gut erwiesen, dass nur punktuell größere Reparaturen notwendig waren. Die restlichen Kanalwände wurden nur verputzt. In einer Wand fand sich sogar die Unterschrift eines Arbeiters im Beton mit der Jahreszahl 1910. Dort, wo der Kanal in das Krafthaus mündete, wurden Gebäudeteile abgebaut, die für das neue Gebäude hinderlich sind. Zu sehen waren unter anderem rote Backsteinwände, die vom Vorgängerbau aus dem Jahr 1873 stammen und die in die neue Infrastruktur integriert wurden.

„Wir haben zunächst die alte Turbine ausgebaut und werden sie später ausstellen - ähnlich wie in der ERBA. Strom erzeugen wir an dieser Stelle jetzt mit einer leistungsfähigen, doppelt geregelten Kaplanturbine“, sagt Geuppert. Sie wird voraussichtlich 1,7 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr liefern. Die Stadtwerke Wangen investieren rund 3,5 Millionen Euro in die Anlage.

Zunächst sind die Stadtwerke mit ihrem Strom über die Lechwerke als Direktvermarkter am Strommarkt vertreten. Rein rechnerisch wird zukünftig die Stadt die eigenen Liegenschaften zu rund 80 Prozent mit Strom aus eigenen Wasserkraftanlagen versorgen. Wenn die neue Anlage ihren Probetrieb bestanden hat, soll es eine Eröffnungsfeier geben. Wann genau und in welchem Rahmen steht noch nicht fest.

Zum Konzept der Wasserkraft in Wangen

Diese Investition schließt sich an die Sanierung der Wasserkraft weiter südlich an. 2012 kauften die Stadtwerke Wangen die Kraftwerke T 8 und T 9 in der ehemaligen Baumwollspinnerei und –weberei ERBA sowie südlich davon und sanierten beide binnen kurzer Zeit. Im nächsten Schritt bauten sie ein Mindestwasserkraftwerk am Argenwehr, das jährlich rund 200.000 Kilowattstunden Strom produziert. Daneben hebt der Fischpass auch die ökologische Qualität der Argen. Denn zusammen mit der 2014 gebauten Aufstiegshilfe für Fische, die das erste Projekt für die Landesgartenschau 2024 ist, belässt das Kraftwerk mindestens 800 Liter Wasser pro Sekunde in der Argen.

Die elektrische Leistung des Triebwerks T 8 in der ERBA beträgt rund 300 Kilowatt. Möglich wurde dies durch den Einbau einer neuen hocheffizienten, doppelt geregelten Kaplanturbine, die direkt mit einem permanent erregten Synchrogenerator gekoppelt ist. Im Mindestwasserkraftwerk am Argenwehr leistet ebenfalls eine doppelt geregelte Kaplanturbine maximal 50 Kilowatt. Beide kommunalen Kraftwerke erzeugen rund 1,9 Millionen Kilowattstunden Strom jährlich. Die maximale Leistung des Generators im T 9 beträgt seit der Sanierung im Herbst letzten Jahres 140 kW. Dort werden jährlich rund 750.000 kWh Strom erzeugt.

Zur Geschichte der Wasserkraft in Wangen

Die Energiegewinnung aus Wasserkraft knüpft an eine historische Tradition in Wangen an. Die Wasserkraft war schon im Mittelalter Quelle von Arbeit und Einkommen im Westallgäu. So wird die Mühle in Niederwangen, der Vorläufer des heutigen Wasserkraftwerks T 9, erstmals urkundlich im Jahr 1397 erwähnt. Vor mehr als 120 Jahren war Wangen außerdem mit die erste Stadt im Königreich Württemberg, in der die Straßen von elektrischem Licht erhellt wurden. Der Strom kam von Kraftwerken an der Argen. Auch die ERBA wurde 1863 vor allem wegen der reichlich vorhandenen Wasserkraft in Wangen gegründet. 
BU: Oberbürgermeister Michael Lang und Urs Geuppert, Leiter der Stadtwerke Wangen im Allgäu, heben das Schütz an, der den Zufluss aus der Argen zum Fischpass in Epplings ermöglicht.