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Sonntag, 5. Juli 2015

Wunderschönes Historienspiel in Wangen

Ein Historienspiel im besten Sinne haben die Wangener mit der „Hammerwende 1389“ erlebt.

Fast 70 Schauspieler im Alter zwischen fünf und 79 Jahren blättern auf dem Postplatz in Wangen eine Seite im Geschichtsbuch der Stadt Wangen auf, die vielen heutigen Bürgern bisher möglicherweise gar nicht so bekannt war. Es ist ein buntes Bild, lebendig, manchmal witzig, oft dramatisch, das dort mitten in der Stadt entsteht. Die Botschaft, dass es sich lohnt, für die Freiheit zu kämpfen und dass die Freiheit Reichtum vorzuziehen sei, darf das Publikum am Ende mit nach Hause nehmen.

Fundstücke in der Stadt

Die Geschichte beginnt im Hier und Jetzt in der Stadt mit einem Buben (Max Roth), der in einem unbeobachteten Moment in einer Baustelle ein altes Kästlein mit einem goldenen Pfeil und einer eisernen Lilie findet. Ein „Wangener Geschichtslehrer“ betritt sodann die Szene und erklärt, was es mit diesen Fundstücken auf sich hat.

Ein Profi spielt den Truchseß

Und dann beginnt das eigentliche Historienspiel: Die beweglichen Kulissenteile, die eben noch Wangener Geschäfte und Wirtschaften abbildeten, werden umgedreht und zeigen jetzt das Lager von Truchseß Hans von Waldburg, von Jan Naujoks, dem einzigen Profi in der Truppe, souverän verkörpert – auch als Reiter. Der Truchseß liegt vor Ravensburg und weiß nicht, wie er die Stadt einnehmen kann. Da führen ihm seine Wachen zwei Männer aus Wangen vor, die ihre Stadt an den Truchsessen verraten wollen und dafür hoffen, in ihre alten angesehenen Ämter in Wangen eingesetzt zu werden. Der Truchseß lässt sich auf den Handel mit Dietz Wermeister und Hinz Amman (köstlich gespielt von Jörg van Veen und Edgar Veigel) ein.

Viele Geschichten erzählt

Parallel zur Handlung um den Truchsess entspinnen sich mehrere Geschichten in der Stadt. Da ist jene um die Familie Goldbach, die auf die Rückkehr des Meisters und Familienoberhaupts Lorenz Goldbach wartet, in der der Großvater noch mitarbeitet und in der Geselle Aendres Wolf (sensibel von Jonas Thanner gespielt) der Familie das Auskommen sichert. Da ist die Liebesgeschichte zwischen Aendres Wolf und Petronilla Bernhard (Monika Bumiller) – von beiden authentisch dargestellt.

Doch Vater Bernhard hat andere Pläne und will Petronilla mit Jäk Zwingenstein (Kai Dittmar gibt wunderbar den Buhmann)  verheiraten. Zwingenstein jedoch entpuppt sich im Lauf der Handlung als feiger Aufschneider. Er redet oft von seinen Heldentaten in der Schlacht bei Döffingen. Ein Fremder  mit Namen Schwarzknecht oder Salomo (Michael Roth bringt die verschiedenen Facetten der Rolle hervorragend zum Ausdruck) berichtet jedoch, dass es diese angeblichen Heldentaten niemals gegeben hat. Salomo findet Aufnahme bei den Goldbachs. Er bringt aus Döffingen den Spieß des toten Meisters, aus dessen Spitze Aendres Wolf an einem Sonntag einen besonderen Pfeil herstellt. Am selben Tag schmiedet er auch  eine Lilie, die er Petronilla als Zeichen seiner Liebe übergeben wird. Weil drei Tratschweiber ihn bei seiner sonntäglichen Schmiedearbeit erblicken und ihn sofort bei Pfarrer Konrad Süsser (Siegfried Spangenberg) anschwärzen, droht dem jungen Mann allerhand. Er erlangt jedoch später seine Freiheit als Bürger, weil er es wagt, nach dem missglückten Überfall der Waldburger die Ravensburger und Konstanz zur Burg Leupolz zu führen, wo der verletzte Truchseß liegt.

Linhard Goldbach trifft den Truchseß mit seinem Pfeil

Der Truchseß hatte die Stadt Wangen überfallen, nachdem die beiden Verräter Wermeister und Amman dafür gesorgt hatten, dass die Tore leicht zu nehmen waren. Den Abwehrkampf fechten die Wangener Bürgerinnen und Bürger gemeinsam. Der Truchsess wird schließlich von jenem Goldpfeil getroffen, den Aendres dem Sohn des Lorenz Goldbach geschenkt hatte. Der junge Linhard Goldbach (Frieder Lontzek) schoss ihn ab.

Am Ende rettet der Bader dem Truchseß das Leben. Der Adlige bietet Aendres Wolf eine attraktive Stellung an, die er jedoch ablehnt. Er will später mit Salomo eine Hammerschmiede in Burgelitz bauen und dort Sensen herstellen, die begehrte Objekte werden sollen. Die Freiheit ist ihm lieber.

Geschichte hineingewoben

Das Historienspiel ist verwoben mit vielen Themen aus der Geschichte: Die Pest taucht auf, das Schisma der Päpste, das die Gläubigen völlig verunsichert, wer nun Recht hat – der Papst in Rom oder jener in Avignon. Die Inquisition taucht mehrfach auf, aber auch der Streit im Reich zwischen Fürsten und Freien Reichsstädten.

Dr. Rainer Jensch hat dem Publikum als Autor und Regisseur ein großes Fenster in die Geschichte geöffnet.  Gemeinsam mit Franziska Roth und Daniel Hackenberg hat er die fast 70 Schauspieler vor einer grandiosen Kulisse in Szene gesetzt, die Georg Bilgeri und Herbert Mayer gebaut und bemalt haben. Die Schauspieler tragen wunderschöne Gewänder aus der Hand von Diana Leist-Keller und Sara-Lisa Bals.

In den Pausen zwischen den Szenen erklingt Musik geschrieben von Uli Kofler, eingespielt im Tonstudio von Joe Sieber. Für den richtigen Ton sorgt Manfred Wolfrum mit seinem Team. Für die Produktionsleitung und Administration stehen Irina Leist und Sabrina Heiberger.

Mit dabei sind außer dem Pferd auf dem Truchseß, Leupolzwächter Frick (Theobald Schneider) und Aendres Wolf zu verschiedenen Zeiten unterwegs sind, auch Gänse und eine Ente, die von Markus Kresser und Lisa Riebelmann in ihren Rollen als Viehhirte und Gänseliesel über den Postplatz getrieben werden.

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