2500 Bürgerinnen und Bürger stehen für Demokratie und Menschenrechte ein

Der Marktplatz war so voll wie selten: Dicht an dicht standen die Menschen und reichten hinein in die Paradiesstraße und die Herrenstraße. Es müssten rund 2500 Menschen gewesen sein, die da für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gingen.

Angemeldet war die Demonstration mit 400 Teilnehmern. Den beiden Organisatoren Johannes Waltenberger, Vorsitzender des Ortsverbands Wangen/Amtzell/Achberg von Bündnis 90/Die Grünen  Matthias Hermann, Co-Vorsitzender des Wangener SPD-Ortsvereins, war die Freude über die große Resonanz in die Gesichter geschrieben.
Unter dem Motto „Nie wieder ist jetzt“ riefen sie als erstes Jara Lutz als Sprecherin des Jugendgemeinderats Wangen im Allgäu auf die Bühne. In ihrem klaren Statement sprach sie davon, dass sich die Jugend Sorgen mache und vor rechtsextremistischen Ideologien fürchte. Sie bezog Stellung gegen jede Aushöhlung der Menschenrechte.

Oberbürgermeister Michael Lang erinnerte in seiner Rede unter anderem an jene jüdischen Menschen, die während der Nazi-Herrschaft Wangen verlassen mussten. Am Vortag hatte er von der über 90-jährigen Heidi Lehmann eine Email erhalten. Sie gehört zur Familie Dahlberg-Lehmann. Die Dahlbergs hatten in Wangen ein Kaufhaus betrieben. In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurden am Geschäft der jüdischen Familie die Scheiben eingeworfen. "Kurze Zeit später ist dann das Gebäude an die Stadt weit unter Wert veräußert worden. Die Familie floh. Heidi Lehmann ist die letzte noch lebende Frau, die als Kind aus Wangen fliehen musste", sagte OB Lang. Er hob hervor, dass diese Familie noch immer in Verbindung mit Wangen steht – trotz der Geschichte. Er resümierte: „Für Antisemitismus gibt es in Wangen keinen Millimeter Toleranz.“
Dann berichtete er von seinen Besuchen in Betrieben, wo ihm Menschen begegnen, die eine Migrationsgeschichte haben und inzwischen zu wichtigen Mitarbeitern geworden sind. Er warb dafür, auch weiterhin Menschen aus dem Ausland, derzeit ganz besonders aus der Ukraine, menschlich zu begegnen. Zum Ende hob er das Buch „Die verdrängten Jahre“ hoch, in dem die Zeit der NS-Diktatur wie sie in Wangen wirkte, beschrieben ist. Er sagte: „Dieser Marktplatz wurde in den Jahren nach 1933 bis 1945 durch Aufmärsche und Kundgebungen missbraucht. Im Buch über die „Verdrängten Jahre“ 1933 bis 1945 gibt es viele Bilder von großen Ansammlungen und Menschen, die unter dem Hakenkreuz lachend und freudig mitliefen. Dieses Buch über die 'Verdrängten Jahre' sollte uns lehren, dass es nie wieder Jahre geben sollte, die wir später als verlorene, zu verdrängende Jahre ansehen.“ Seine komplette Rede finden Sie hier.

Harald Sievers sprach nicht in seiner sonstigen Rolle als Landrat, sondern als Bürger im Landkreis Ravensburg. Da er bei den Kommunalwahlen wieder als Wahlleiter auftreten muss, wollte er diese Unterscheidung machen. Er zeigte sich glücklich, froh und dankbar, dass von einer der bedeutendsten Städte im Landkreis ein Zeichen gesendet wurde, was die Menschen hier wollen. Er bezog sich auf ein Plakat mit der Aufschrift „We love Grundgesetz“. Das Grundgesetz sei das Leitbild, das wir und die Generationen vor uns seit 1949 erarbeitet haben. Die Würde des Menschen stehe im Mittelpunkt und das müsse auch in 100 Jahren noch sein, sagte er. Er bekannte, dass es auch Probleme in diesem Land gibt. Aber er machte sich dafür stark, dass diese Probleme in einem demokratischen Diskurs miteinander gelöst werden. Es gelte Brandmauern zu setzen, aber es sei auch notwendig, möglichst viele Menschen abzuholen und im demokratischen Spektrum mitzunehmen. Demokratie brauche Freudinnen und Freunde, sagte Sievers. Ein paarmal zu demonstrieren reiche nicht, sagte er. Deshalb warb er dafür, dass sich möglichst viele Menschen aus Veranstaltungen wie dieser für ein breites dauerhaftes Engagement für die Demokratie gewinnen lassen. Sie sollten sich zur Wahl stellen, beispielsweise im Juni bei den Kommunalwahlen. 

Im Namen aller christlichen Kirchen sprach die evangelische Pfarrerin Dr. Elisabeth Jooß. Die Menschen auf dem Marktplatz stünden für Menschlichkeit und Solidarität, sagte sie und bekannte gleichzeitig, dass die Kirchen sich in Sachen Nächstenliebe nicht gerade mit Ruhm bekleckert hätten. Sie sprach damit die jüngst vorgelegte Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche an, die sie mit Scham und Wut erfülle. Notwendig seien Vorbilder für Menschlichkeit und da falle ihr einer ein: Jesus. Er habe Menschlichkeit vorgelebt, indem er sich jedem Menschen in gleicher Weise zugewandt hatte. Menschlichkeit heiße nicht wegsehen, hingehen, helfen. Und so sei Jesus ein Vorbild, egal was man glaubt, denn er sei Mensch mit Menschen gewesen.

Alle Rednerinnen und Redner erhielten viel Applaus - auch zu einzelnen Passagen ihrer Aussagen. Viel Beifall konnte auch Franziska Groß von „Zimt und Zorn“ mitnehmen, die die Kundgebung musikalisch umrahmt hatte.