Musikerinnen und Musiker aus allen Kapellen haben eine Gesamtkapelle unter der Leitung von Stadtmusikdirektor Tobias Zinser gebildet.
Wangen im Allgäu ist Teil des Landkreises Ravensburg. Beides ist Ergebnis der Verwaltungsreform von 1971 bis 1973.
Ehemalige Ortsvorsteher und Ortschaftsräte: Horst Büssenschütt, Roland Herget, Josef Gaus und Gerd Locher im Gespräch mit OB Michael Lang (von links)
Viele Zuhörerinnen und Zuhörer hatten sich zum Festabend für 50 Jahre Große Kreisstadt Wangen eingefunden.
Aktuelle Ortsvorsteher: Markus Leonhardt, Roland Gaus, Kornelia Keller, Anton Sieber, Roland Hasel. Dr. Hermann Schad ist nicht in diesem Bild.
Die Verwaltungsreform von 1973 ist in Wangen im Allgäu offenkundig gelungen. Das jedenfalls ist das Resümee des Festabends zu „50 Jahre Große Kreisstadt Wangen im Allgäu“, zu dem Oberbürgermeister Michael Lang ein großes Publikum im Festsaal der Waldorfschule begrüßte.
Der Abend erlaubte einen Blick in die Zeit der Eingemeindung der sechs Ortschaften: Deuchelried, Neuravensburg, Niederwangen, Karsee, Leupolz und Schomburg. Und er zeigte, wie gut das Zusammenleben in der Gesamtstadt heute funktioniert.
Stadtarchivar Dr. Rainer Jensch setzte den historischen Rahmen und erzählte auch von den „Brautgeschenken“, die der Stadt Wangen damals von den Dörfern abgerungen wurden – neue Turn- und Festhallen, Kindergärten, Grundschulen, Gemeinde-Verbindungsstraßen, Aussegnungshallen und vieles andere mehr. Die Verhandlungen hätten manchmal „monströse Blüten“ getrieben. Leupolz nahm schon deswegen einen bedeutenden Part in Jenschs Ausführungen ein, weil das Dorf mehrmals für ein Zusammengehen mit Kißlegg gestimmt hatte. Doch das Innenministerium in Stuttgart machte den Leupolzer Gemeinderäten – der Bürgermeister war schwer erkrankt und deshalb außer Dienst – klar, dass nur ein Zusammenschluss mit Wangen in Frage komme.
Verhandlungen wie beim "Bauerntheater"
Der damalige Oberbürgermeister, Alt-OB Dr. Jörg Leist, sprach in diesem Zusammenhang im Gespräch mit OB Lang von Verhandlungen im Stile eines „Bauerntheaters“. „Stellen Sie sich vor: Wäre Leupolz nach Kißlegg gegangen, dann würde Kißlegg mit Herfatz heute bis kurz vor die Kernstadt reichen“, fügte er an. Doch die eigentlich schwierigen Aufgaben kamen dann erst noch für die Stadt, allen voran die Wasserver- und Abwasserentsorgung. Sie musste im gesamten Gebiet der Stadt Wangen hergestellt werden, inklusive einer Kläranlage, die dann nach Pflegelberg in die Nachbargemarkung unterhalb des Argen-Zusammenflusses gelegt wurde. All dies trieb die Stadt an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Alt-OB Dr. Jörg Leist, habe dies auch nach Stuttgart berichtet, woraufhin Fördergelder in die Stadt geflossen seien, hieß es.
Kurz vor der „Hochzeit“ von Wangen und den Ortschaften war der neue Landkreis Ravensburg aus dem alten Kreis Ravensburg und dem Kreis Wangen hervorgegangen – ebenfalls eine schwierige und im Allgäu unpopuläre Entwicklung, wie Jensch aufzeigte. Leist dazu: „Die Aversionsgeschichten von damals Allgäu gegen Schussental und umgekehrt muss man vergessen. Das bringt nichts. Wir haben das ganz gut hinbekommen“, sagte er und erinnerte dabei auch an seinen Freund, Landrat Guntram Blaser.
"Shitstorm", wie man ihn vor 50 Jahren kannte
Leicht war es auch für die damaligen Bürgermeister der Dörfer nicht, die sich heftigen Anfeindungen aus ihrer Bürgerschaft ausgesetzt sahen, wie Gerd Locher erzählte, der vom Bürgermeister zum Ortsvorsteher und später auch zum Beigeordneten der Stadt Wangen wurde. Aber er fasste zusammen, was auch von den anderen Zeitzeugen, den ehemaligen Ortsvorstehern Horst Büssenschütt (Neuravensburg, in Vertretung von Ex-Bürgermeister Vitus Zauner)), Josef Gaus (Schomburg), und dem früheren Ortschafts- und Gemeinderat Roland Herget (Niederwangen) in einer Gesprächsrunde mit OB Lang geäußert wurde: „Bis jetzt können wir von einem Glücksfall reden.“
Film porträtiert die Ortschaften
Der anschließende Film, gedreht und geschnitten vom Schmalfilm- und Videoclub Wangen, zeigte die sechs Ortschaften in schönen Bildern. Die heutigen Ortsvorsteher stellten dabei ihre Dörfer vor. Im Nachgang im Gespräch mit OB Lang kam das eine oder andere Thema zusätzlich zutage. Die Karseer Ortsvorsteherin Konny Keller ist beispielsweise ein „Import“ aus Wangen. Sie wuchs in der ERBA auf und berichtete, dass die Auseinandersetzungen zwischen Fabriklern (ERBA-Angehörigen) und Städtern sie fürs Leben und ihre Arbeit gestärkt hätten. „Ich könnte heute sonst keine Ortsvorsteherin sein“, sagte sie. Roland Gaus aus Schomburg ist der bisher erste Ortsvorsteher, dessen Vater schon in dieser Rolle tätig war. Er wies vor allem auf die Dorfläden hin, die eine wichtige Einrichtung in Haslach und Primisweiler seien und inzwischen auch in Niederwangen am Dorfplatz mit einer Niederlassung vertreten sind. „Wir sind guten Muts, dass wir diese Einrichtung halten können“, kommentierte der Niederwangener Ortsvorsteher Roland Hasel. Zwar kein Dorfladen, aber seit einem Jahr hat Deuchelried einen Dorfmarkt. Immer Donnerstag nachmittags können die Dorfbewohner nicht nur dort einkaufen, sondern sich auch bei Kaffee und Kuchen niederlassen, wie Ortsvorsteher Markus Leonhardt sagte. Gefeiert wird das Ein-Jahr-Jubiläum natürlich auch: am Donnerstag, 25. Mai 2023.
Der Leupolzer Ortsvorsteher Anton Sieber berichtete vom Heimatmuseum im Dorfstadel, das durch Alt-OB Leist initiiert worden war und bis heute mit gepflegt wird. Sieber ließ zudem durchblicken, dass im Keller des dortigen Rathauses noch einige Flaschen Wein aus der Leupolzer Produktion vom Kirchberg lagerten. Dr. Hermann Schad, Ortsvorsteher in Neuravensburg, gab sich wie seine Kollegin und die Kollegen zufrieden mit dem, was aus den Vereinigungsverträgen erfüllt worden war. Nur eines fehle noch: die Sanierung des Neuravensburger Weihers. Sie soll verhindern, dass das Gewässer, das auch ein Wahrzeichen der Ortschaft ist, verlandet. Doch dazu brauche es nicht nur die Unterstützung der Stadt Wangen, sondern auch des Landkreises und des Landes Baden-Württemberg.
Große, bunte Musikkapelle
Oberbürgermeister Michael Lang dankte den Ortsvorstehern, die ihr Amt ehrenamtlich versehen, und den Menschen in den Ortschaften für ihre Verbundenheit mit der Stadt Wangen. Ganz besonders hob er in diesem Zusammenhang die Musikkapellen einschließlich der Stadtkapelle hervor, die allesamt Musikerinnen und Musiker für die gesamtstädtische Kapelle unter der Leitung von Stadtmusikdirektor Tobias Zinser stellten. Das bunte Bild der verschiedenen Uniformen zierte nicht nur die Bühne, die Musik gab dem Abend Schwung. Nicht nur OB Lang dürfte auf eine Wiederholung eines solchen Zusammenspiels hoffen.