Die Stadt Wangen hat gemeinsam mit dem Altstadt- und Museumsverein und interessierten Bürgerinnen und Bürgern auf 50 Jahre Stadtsanierung zurückgeblickt. Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Michael Lang und einer historischen Einführung durch Stadtarchivar Dr. Rainer Jensch standen die Akteure der ersten Stunde, Alt-OB Dr. Jörg Leist, und Joachim Scheible – über viele Jahre Sanierungsbeauftragte der Stadt Wangen – in der ersten von mehreren Interview-Runden Ortsheimatpfleger Stephan Wiltsche Rede und Antwort.
Die Sanierung der Altstadt böte Stoff für eine mehrbändige Sanierungschronik, sagte Jensch. Begonnen hat sie 1969 mit dem Verkauf der Eselmühle an die Stadt Wangen durch die letzte private Eigentümerin, Maria Neff, der seit 2019 ein Denkmal am Eingang der Mühle gesetzt ist. Erst nachdem der damalige OB Leist ihr versprochen hatte, dass die Mühle nicht – wie zuvor vom Gemeinderat beschlossen – dem Bagger zum Opfer fallen und dann eine breite Straße in die Stadt und daneben ein Kaufhaus gebaut würde, verkaufte sie das Gebäude. „So wurde die Zerstörung des Stadtgefüges an einer empfindlichen Stelle verhindert“, sagte Jensch. Die Million D-Mark, die die Stadt vom Land für den Bau eines Kaufhauses bekommen hatte, wurde zurückgezahlt.
1969 wurde die Sanierung des Lindauer Tores beschlossen. Damit habe die systematische Sanierung der Stadt begonnen, sagte Jensch. Wo in der Altstadt alte Gebäude nicht erhalten bleiben konnten, wurden sie kleinteilig ersetzt. Als Beispiel nannte der Stadtarchivar die Erweiterung des Café Hölz.
Dass die Nutzung der Altstadt in allen Jahrhunderten auch den Bedürfnissen der jeweiligen Zeit angepasst waren, zeigte Jensch ebenfalls: 1929 begann die Öffnung der geschlossenen Häuserfronten, so dass große Schaufenster zum Einkaufen lockten. Parallel dazu zogen schützende Markisen in die Stadt ein. Das Verbot von störender Werbung an den Häusern folgte wenige Jahre später – 1934.
Dass die Stadt den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden hatte, verstanden die Menschen als etwas Besonderes. Die alte Substanz wurde als Schatz angesehen. Mit den ersten Sanierungen durch die Stadt selber, begannen auch immer mehr Bürger ihr Eigentum zu erneuern. Der Altstadt- und Museumsverein unter seinem damaligen Vorsitzenden Heinz-Dieter Bahr sammelte für viele Projekte Geld und scheute sich auch nicht, selber Hand anzulegen, wie Fotos von der Sanierung des Wehrgangs bestätigten.
Altstadtsatzung setzt Standards fest
1975 wurde erstmals ein Entwurf für die Altstadtsatzung erarbeitet. Im März 1976 wurde die gesamte Altstadt unter Ensembleschutz gestellt. In den 80er Jahren kam eine gesetzliche Grundlage für die Altstadtsanierung, die die Arbeit anschob. 1982 gaben die drei Allgäu-Städte Isny, Leutkirch, Wangen gemeinsam die Altstadtfibel heraus, die festlegte, was in den drei Städten bei Sanierungsarbeiten beachtet werden muss. Federführend war dort auch Joachim Scheible, der ein Jahr zuvor seinen Dienst begonnen hatte.
Dass die Sanierung eine immerwährende Aufgabe ist, zeigte sich auch am Beispiel Sattelkapelle. Sie wurde 1984 saniert und ist auch jetzt wieder an der Reihe. Auch der Alte Gottesacker und die Rochuskapelle wurden in den 80er Jahren saniert. Noch einmal – von 2014 bis 20217 – investierte die Stadt Wangen dort 1,4 Millionen Euro, um das wertvolle Ensemble aus der Pestzeit zu erhalten.
Stadtsanierung ist kein Selbstzweck – auch das wurde deutlich: Sie wirkt positiv auf den Tagestourismus, sie bietet Vorteile für Gastronomie und Handel. Der Nutzungsdruck zeigt sich an den immer öfter ausgebauten Dachflächen mit Gaupen und Dachaufbauten. Mit allem, was geschaffen wurde, entwickelte sich die Altstadt zu einem Identifikationspunkt und zur guten Stube Wangens.
Woher die Liebe zu den alten Dingen komme, wollte dann auch Stephan Wiltsche von Alt-OB Dr. Jörg Leist wissen. Er wuchs in Rottweil auf, in der ältesten und von Römern gegründeten Stadt Baden-Württembergs. Als während seiner Kindheit der Reichsarbeitsdienst einen Bunker in den Schulhof gräbt, erkundet er die alte römische Kulturschicht und findet Ziegel und viele andere Dinge aus der damaligen Zeit. Zwei Fundstücke gebe es im Rottweiler Museum: eine Glaskaraffe mit Deckel. „Ich hatte das Oberteil, mein Lehrer die Karaffe gefunden“, erzählte Dr. Leist.
Für den Sanierungsbeauftragten war es von großer Wichtigkeit, die Familien zu stärken, die sich der Sanierung ihres Eigentums verschrieben hatten. Das bedeutete auch, nachzurechnen, wie weit das Geld reicht, denn: „Das macht jemand nur einmal im Leben“ und es sollte niemanden in den Ruin treiben.
Altstadt- und Museumsverein unterstützt die Sanierung
Die zweite Gesprächsrunde bestritten der erste und der aktuelle Vorsitzende des Altstadt- und Museumsvereins, Heinz-Dieter Bahr und Theo Keller. Bahr, der als Lokalchef der Schwäbischen Zeitung, erst kurze Zeit in Wangen war, ließ sich vom damaligen Stadtarchivar Albert Scheuerle für die Aufgabe gewinnen. Man habe dem AMV immer nachgesagt, er sei der „verlängerte Arm vom Leist“, wie Bahr sagte. Theo Keller hat als Architekt eine besondere Sichtweise auf die Altstadt. Die Rolle des AMVs sei klein, sagte er, aber der Verein unterstütze gerne und wirke gerne mit.
Elisabeth Hensler steht für die junge Generation Eigentümer in der Altstadt. In der fünften Generation befindet sich das „Henslerhaus“ in der Bindstraße im Besitz der Familie. Für sie ist das Stammhaus der Firma Hensler weit mehr als nur Eigentum, hier verbachte sie viele Stunden in ihrer Kindheit und Jugend, weil die Eltern dort die Zentrale für den Lebensmittelhandel hatten. Auf die Frage, ob sie so ein Werk noch einmal anfassen würde, sagte sie, in der aktuellen, dem Ukrainekrieg geschuldeten Situation wäre es schwierig, sonst jederzeit. Martin Schwenger, aktueller Sanierungsbeauftragter der Stadt Wangen, lobte die Zusammenarbeit mit Elisabeth Hensler und ihrem Vater. Die Entscheidungen seien immer schnell gefallen.
Aufgaben der Stadtsanierung weiten sich aus
Dass Altstadtsanierung heute weit mehr ist als der Erhalt der Gebäude und die Einholung von Förderungen – was in sich schon ein weites Feld ist – erläuterte Martin Schwenger auf die Frage nach seinem Arbeitsalltag. Die Aufgaben hätten sich geändert, sagte er und nannte Klimaschutz und Energiefragen, die immer stärker auch bei der Altstadtsanierung eine Rolle spielten. So wird es zu den kommenden Aufgaben auch gehören, mit Bäumen schattige Aufenthaltsplätze zu schaffen, um das Stadtklima zu verbessern. Allein in den Jahren 2022/21 wurden 23 Sanierungsverträge abgerechnet. 1,95 Millionen Euro wurden investiert bei 90 000 Euro Förderung.
Sanierung der ERBA: Auch die Altstadt hat einen Nutzen
Was die Sanierungsaufgaben heutiger Zeit angeht, bezog sich OB Michael Lang vor allem auf die ERBA. Die Möglichkeit, die ERBA zu sanieren und die Argen zu renaturieren, habe auch mit der Altstadt zu tun, sagte er. Es sei besonders wertvoll, dass man hier in Wangen zu den alten Gebäuden stehe. „Wenn es gelingt, die bürgerliche Altstadt und die Fabrik miteinander zu verbinden, dann tun wir auch viel für die Lebendigkeit der Altstadt“, sagte er.
Unweit der ERBA steht mit der Sattelkapelle, ein weiteres aktuelles Sanierungsprojekt. Einst diente sie neben dem Leprosenhaus und Badhaus der Quarantäne von Menschen, die an der Pest erkrankt waren. Jetzt muss das Dach saniert, das Holz von zerstörendem Käfer gereinigt werden. Weil bei viel Schnee Dachlawinen auf die Sakristei fallen wurde dort inzwischen ein Notdach aufgebaut. Die Fresken innen können erhalten werden. 2023 soll die Sanierung der Kapelle beginnen. Sie ist Eigentum der Hospitalstiftung. Der AMV-Vorsitzende Theo Keller sagte die Unterstützung des Vereins zu. Mehr zur Sattelkapelle findet sich hier
https://amv-wangen.de/spenden-fuer-die-sattelkapelle/