Archäologen graben sich in die Geschichte Schwarzenbachs

Mehrere Steinreihen, rundlich angeordnet.
Im Vordergrund zwei Gerippe, dahinter drei Personen, die sie vorsichtig freilegen.
Grafik zeigt die Mauerfunde.
Eine Männerhand führt einen kleinen Spachtel.
Eine Frau deutet auf die Steine beim Turm.
Ein großer Mauerstein mit Färbung, die auf Feuer hinweist.

Seit Ende April sind Archäologen einer Spezialfirma im Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege auf dem Areal der rückgebauten Schwarzenbacher Kirche im Einsatz und fördern spannende Einsichten in die Geschichte des Orts zu Tage. Zwar sind Mauern und die menschlichen Überreste von Bestattungen offensichtlich, doch die ganze Geschichte lässt sich allein aus diesen Funden nicht ableiten.

Was die Archäologen an Ort und Stelle tun, sind Rettungsgrabungen. Das heißt: Sie graben vorsichtig und geduldig mit kleinem und kleinstem Handwerkszeug aus, was von den Spuren der Vergangenheit übrig ist. Sie dokumentieren anschließend und sammeln ein, was sie finden. Alles wird am Ende zum Landesamt nach Stuttgart zur Bewertung und dann nach Rastatt ins Archiv gehen. Für eine komplette Auswertung wäre dann zum Beispiel ein Doktorand gefragt, beschreibt Dr. Dorothee Brenner, Fachreferentin für frühgeschichtliche, mittelalterliche und neuzeitliche Archäologie beim Regierungspräsidium Stuttgart (LAD) den Prozess. Nach Abschluss der Grabungen werden die Überreste abgeräumt, damit der Neubau beginnen kann. Nur bei jenem Geländeteil, über dem der Vorplatz entstehen wird, können die Relikte der Vergangenheit unberührt im Boden bleiben. Dieser Teil bleibt der Forschung künftiger Generationen überlassen.
Weshalb die alten Mauern weichen müssen, erklärt der Architekt des künftigen Gebäudes, Karl Herter: „Kein Statiker würde heute auf solchen Mauern mehr bauen.“ Das umso mehr, als klar ist, dass der Boden auf dem Areal nachgibt. Und nicht nur beim Turm, der durch den Rückbau von St. Felix und Regula seine Stütze verlor und auch wegen der Grabungen ringsum durch Betonteile gestützt werden musste. 
Inzwischen wurden drei Mauerteile von Vorgängerkirchen freigelegt. Die erste könnten aus dem 9. Jahrhundert stammen. Ein kleines, halbrundes Mauerwerk nahe dem Turm könnte Teil der Apsis einer ersten Kirche sein. Weil Schwarzenbach durch eine Schenkungsurkunde 815 erwähnt wurde, wie Ortsheimatpfleger Wolfgang Roth feststellte, schließt Brenner, dass dieser Mauerrest eventuell zu einer Kirche aus dieser Zeit gehören könnte. Denn in der Urkunde wird ein Priester erwähnt, und wo ein Priester war, gab es meist auch eine Kirche – oder eine Kapelle wie wohl am hiesigen Ort. Noch ein weiteres Argument führt Brenner ins Feld: Schon 856 wird Schwarzenbach erneut erwähnt – ebenfalls durch eine Schenkung in Hatzenweiler ans Kloster St. Gallen und diese Urkunde wurde auch im Ort unterschrieben. Für so eine Handlung brauchte es nach Aussage der Fachfrau einen bedeutenden Ort. 
Beim Rundgang über die Baustelle mit der Presse ist es möglich, dem Team um Laura Holzer und Claus-Stephan Holdermann, Geschäftsführer von Context bei der diffizilen Arbeit zuzuschauen. Da wird mit Spachteln unterschiedlicher Größe und dem Besen um Schädel und Knochen vorsichtig die Erde weggeschoben. Bisher wurden 35 Gerippe auf diese Wiese freigelegt. Darunter seien auch eine Reihe von Kindergräbern gewesen, wie Holdermann erzählt: Solche Funde hätten ihn als Familienvater nicht kalt gelassen. 
Die Grabungen in Schwarzenbach sind auch für die Archäologen etwas Besonderes, denn so sagt Brenner, es komme selten vor, dass ein Friedhof ausgegraben werde.  Manche Gerippe geben den Experten Rätsel auf: Warum sind die Beine gut erhalten, aber der Oberkörper nicht? Oder warum liegt neben einem Gerippe ein anderes in entgegengesetzter Richtung mit verdrehtem Becken? 
Und dann gibt es noch die Fundstücke: Medaillen zum Beispiel wie jene Benediktusmedaille, die ein Toter bei sich hatte? War er selber ein Pilger? War er in Nursia oder hat er die Medaille geerbt oder an einem anderen Wallfahrtsort erstanden? 
Einen Teil des alten Friedhofs haben die Bagger schon in den 1950er Jahren entfernt, was aus wissenschaftlicher Sicht zu bedauern ist, den Archäologen vor Ort die Arbeit aber verkürzt. Geplant ist, dass sie im Herbst mit ihrer Arbeit fertig werden und der Neubau im November beginnen kann. Doch ganz sicher ist das nicht. Sollte das Grabungszeitfenster verlängert werden, liegt es nicht an der guten Unterbringung im leerstehenden Pfarrhaus und dem guten Kaffee, der immer wieder an der Baustelle vorbeigebracht wird, wie das Grabungsteam erzählt, sondern an den Umständen.
Denn Überraschungen seien immer möglich, sagt Brenner. So ist derzeit noch unklar, ob die Bodenhöhe, die von den Baggern vor rund 70 Jahren erreicht wurde, auch für die Grabungen heute das untere Ende bedeutet, oder ob sie noch tiefer gehen. Diese Grabungen liegen an den Mauerresten, die Brenner ins späte Mittelalter also das 13. oder 14. Jahrhundert datiert. Das wiederum deckt sich mit einem urkundlichen Nachweis einer Kirche 1275. Allerdings gibt die Expertin zu bedenken: „Eine genauere Datierung der Mauerreste ist aufgrund bisher fehlender Funde oder Proben nicht möglich.“ Spannend auch die Frage, ob es sich bei dem Skelett, das innerhalb der Apsis dieses Baus gefunden wurde, um einen Priester handelt. Aufgrund der Örtlichkeit wäre dies nach Expertenmeinung zumindest möglich.
Die dritte an den Steinen der Vergangenheit ablesebare Bauphase gehört zu jener Kirche, die 1957 abgerissen wurde. Man weiß, dass diese Kirche nach den Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg 1633, wiederaufgebaut wurde. Ob es ein kompletter Neubau war, oder ob damals auf alte Mauern aufgebaut wurde – bleibt vorerst ungewiss. Dies Kirche wurde laut Roth im Jahr 1661 geweiht. Im 19. Jahrhundert wurde der bestehende Bau nach Westen verlängert und an der Südostseite um eine Sakristei ergänzt. 
All die Funde sind auch für die Mitglieder des Kirchengemeinderats Edeltraud Hofer und Ortsheimatpfleger Wolfgang Roth sehr spannend. Und es werden vermutlich noch weitere interessante Details dazukommen – nicht erst, wenn auch noch die Spezialisten für Baudenkmale den Turm genauer in Augenschein nehmen. Zwar ist heute schon klar, dass die Art, wie in den 1950er Jahren gebaut wurde, Manches zerstört hat. Dennoch hoffen die Experten auch an dieser Stelle noch auf weitere Erkenntnisse.