Der geplante Aussichtsturm - ein Wahrzeichen auch für die Zukunft

Turm

So würde sich der Turm in die Landschaft einfügen.

Pavillon aus Holz

Besucherinnen und Besucher der Bundegartenschau in Heilbronn haben den großen Veranstaltungspavillon gesehen. F

Pavillon in Schwäbisch Gmünd

Mitten im Gelände der Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd wurde dieser Pavillon aufgebaut.

Professor Achim Menges, Leiter des Instituts für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung (ICD), an der Universität Stuttgart, hat mit seinem Team den geplanten Aussichtsturm entworfen, der zur Landesgartenschau 2024 gebaut und dann eine Landmarke für die Zeit danach sein soll. Im Gespräch erklärt der Architekt und Wissenschaftler, welche Überlegungen hinter dem Projekt stehen.

Aus Ihrem Institut kommen immer wieder zu Gartenschauen –beispielsweise zur LGS Schwäbisch Gmünd oder zur BUGA in Heilbronn – innovative Bauformen aus Holz. Worin liegt Ihre Motivation für diese Art des Bauens? 

Professor Menges: Landes- und Bundesgartenschauen haben in Deutschland eine lange Tradition, zukunftsweisende Bauwerke zu realisieren, die architektonische Innovation für ein großes Publikum erlebbar werden lassen und zugleich auch eine funktionale Bereicherung Vorort darstellen. Wir freuen uns immer wieder, in diesem Kontext unsere neuesten Forschungen anwenden zu dürfen. In der Vergangenheit konnten wir so zum Beispiel die weltweit erste, robotische gefertigte Segmentschalenkonstruktion aus regionalem Buchenholz als Forstpavillon auf der Landesgartenschau 2014 oder den einzigartigen, 30 Meter weit spannenden Holzpavillon auf der Bundesgartenschau 2019 errichten. Beide Bauwerke schafften für ein Millionenpublikum ein besonderes Besuchererlebnis und persönliche Erinnerungen. Darüber hinaus haben sie national und international für Aufmerksamkeit gesorgt.  

Wie muss das Bauen der Zukunft aussehen? 

Professor Menges: Gemäß den Angaben der Vereinten Nationen ist der Bausektor für 50 Prozent des weltweiten Müllaufkommens, 40 Prozent des globalen Ressourcen- und Energieverbrauchs und 38 Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich, wobei allein 11 Prozent auf die Baumaterialherstellung entfallen, was mehr als dreimal so viel ist, wie der gesamte globale Luftverkehr. Ein Umdenken im Bauen ist also dringend erforderlich und von gesamtgesellschaftlicher Relevanz, denn ohne eine erhebliche Veränderung im Bauschaffen sind zum Beispiel die Pariser Klimaziele nicht zu erreichen. Zukunftsfähiges Bauen bedeutet: Bauen mit Rohstoffen, die regional erzeugt werden; Baumaterialien, die C02 speichern, natürlich erneuerbar und in den Stoffkreislauf rückführbar sind; Bauprozesse, die geringe graue Energie erzeugen; Bauweisen, die ressourcenschonend, materialeffizient und zugleich architektonisch attraktiv sind. 

Was können wir von der Natur lernen? 

Professor Menges: Wir erforschen seit vielen Jahren, was wir von der Natur für ein nachhaltiges Bauschaffen und eine zukunftsfähige Baukultur lernen können. Dabei gibt es zwei Haupthandlungsfelder: Zum einen untersuchen wir das Bauen mit biobasierten, also natürlich nachwachsenden Werkstoffen, im wesentlichen Holz, aber auch schnellwachsende Materialen wie Flachs- oder Hanffasern. Daneben erforschen wir auch das Bauen mit bioinspirierten Bauweisen, also den Transfer von Wirkprinzipien aus der Natur, die immer ressourcenschonend und materialeffizient „baut“, in neuartige Konstruktionsprinzipien in der Architektur.   

Welche Rolle kommt in diesem Lernprozess dem von Ihnen konzipierten Aussichtsturm zu? 

Professor Menges: Der Turm bietet im doppelten Sinne die Möglichkeit zur Weitsicht: Einerseits gewährt er den Ausblick auf einen einzigartigen Landschaftsraum. Andererseits beweist er die Weitsicht der Stadt Wangen für ein zukunftsfähiges Bauen, das zum Erhalt genau dieser wunderschönen Natur beiträgt. Unser Turmentwurf basiert dabei auf zwei Prinzipien, die wir aus der Biologie abgeschaut haben: Erstens hat die Natur Wege gefunden, das Schwinden von Holz für einen kontrollierten Formveränderungsprozess zu nutzen. Ein gutes Beispiel hierfür sind Fichtenzapfen, deren hölzerne Schuppen von der Natur so „programmiert“ wurden, dass sie beim Austrockenen die Form verändern und sich von ganz von alleine öffnen. Ein ähnlicher Selbstformungsprozess führt zu der komplexen Form der Bauteile unseres Turms. Damit wären wir beim zweiten Prinzip. Die Natur zeigt auch, wie durch mehr Form weniger Material benötigt wird. Die Form des Turms ist also kein Selbstzweck, sondern sie ermöglicht eine sehr schlanke, ressourcenschonende und leistungsfähige Holzkonstruktion. Es wäre der weltweit erste begehbare Turm, der in dieser innovativen und zugleich nachhaltigen Holzbauweise errichtet wird. Letztlich ist der Turm auch von Weitem sichtbar und somit nicht nur eine Attraktion und Landmarke, sondern auch ein Ausdruck, wie wir Natur und Architektur wechselseitig verträglich in Zukunft gestalten können. 

Wie genau würden Sie beim Bau des Turms vorgehen?

Professor Menges: Wir können auf umfangreiche Forschung und Praxiserfahrung zum Holzleichtbau und zu Selbstformungsprozessen von Holz zurückgreifen. Dies würde uns ermöglichen, aus regionalen Hölzern und in Partnerschaft mit einem regionalen Holzbaubetrieb zunächst vollständig flache Holzpaneele herzustellen, die dann im Trocknungsprozess von ganz alleine die vorausberechnete, gekrümmte  Form annehmen, ganz ohne dass dafür die sonst üblichen schweren Maschinen oder Pressen zum Einsatz kommen. So entstehen die vollständig vorgefertigten, großformatigen Holzbauteile, aus denen der Turm in wenigen Tagen vor Ort aufgebaut werden kann. 

Können Sie abschätzen, welche Haltbarkeit der Aussichtsturm haben wird und wie man ihn vor Witterungs- und anderen negativen Einflüssen schützen kann?

Professor Menges: Holzbauwerke können viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alt werden. Grundvoraussetzung hierfür ist, dass die Konstruktion dauerhaft vor dem Wetter geschützt wird. In unserem Falle sind die tragenden Holzbauteile außen von einer wasserführenden Schicht und einer Vorsatzschale aus Lärchenholz geschützt. Oben dient die Aussichtsplattform als Dach für das Innere des Turmes, wobei zur ausreichenden Belichtung mit Tageslicht auch ein transparentes Band vorgesehen ist. 

Wofür fallen Unterhaltskosten an und in welcher Höhe?

Professor Menges: Da für den Betrieb des Turms keine Wasser- oder Energieversorgung vorgesehen ist, ausgenommen einer gegebenenfalls vorzusehenden Beleuchtung, die aber auch solar versorgt werden könnte, ist nur mit geringen Unterhaltskosten zu rechnen. Auch die Instandhaltungskosten sind gering und betreffen lediglich die Außenhülle des Turms, die, wie bei jedem anderen Gebäude auch, in vieljährigen Abständen überholt werden muss.

Könnte es Forschungsgelder für das Projekt geben? 

Professor Menges: Für den Turm sind ja bereits umfangreiche Fördermittel des Landes vorgesehen, deren Höhe nicht zuletzt auf den Innovationsgrad des Bauwerks zurückzuführen ist. Die Möglichkeit zur Einwerbung zusätzlicher Forschungsgelder prüfen wir gerade. Maßgeblich ist dabei nicht die außer Frage stehende Neuartigkeit des Vorhabens, sondern der anvisierte Zeitplan. 


Info: Professor Achim Menges wird das Projekt im Rahmen der Einwohnerversammlung zur Landesgartenschau 2024 am Mittwoch, 1. Juni 2022, um 19 Uhr im Baumwolllager in der ERBA vorstellen. Außerdem auf der Tagesordnung der Einwohnerversammlung: Informationen zur Landesgartenschau durch Oberbürgermeister Michael Lang, Vorstellung der Landesgartenschau-Ausstellung, anschließend: Fragen und Anregungen der Einwohnerschaft zu Themen der Landesgartenschau und zum Turm.