Unser Bild zeigt von links: Alt-OB Dr. Jörg Leist, die neue Stadtarchivarin Birgit Kata, den scheidenden Archivar Dr. Rainer Jensch, Monika Jensch mit Enkel Samuel und Oberbürgermeister Michael Lang.
Nach 28 Jahren im Dienst der Stadt Wangen ist Dr. Rainer Jensch jetzt offiziell in den Ruhestand verabschiedet worden. Im Kreis von Kolleginnen und Kollegen – auch von anderen Archiven - sowie von Wegbegleitern in den vielen verschiedenen Projekten würdigte Oberbürgermeister Michael Lang seine Verdienste.
Nach ihm erzählte auch Rainer Jensch von der Arbeit hinter den dicken Mauern in der Langen Gasse. Umrahmt wurde die Feier mit Musik der „D’Naschter Harmonie“, eines einzigartigen Ensembles aus Kindern, Schwiegerkindern und Nachbarn in Jenschs Heimatgemeinde Dürnast bei Bodnegg. Von dort fuhr er fast täglich – auch bei schlechtem Wetter mit dem Rad zur Arbeit, wie OB Lang sagte und erhielt sich dadurch eine außergewöhnliche Fitness. Jensch selber rechnete vor, es seien insgesamt eine Million Höhenmeter gewesen, dabei habe er zweimal in all den Jahren die Erde umrundet.
Er wäre sicher ein Wangener geworden, sagt Rainer Jensch, wenn er damals, als ihn Alt-OB-Dr. Jörg Leist nach Wangen lotste, nicht schon dabei gewesen wäre, mit seiner Frau Monika ein Haus in Dürnast zu bauen.
Wenn es für die Wangener je ein Thema gewesen wäre, hätten sie ihm längst verziehen. Denn gefühlt war er ein Wangener. Er schenkte der Stadt eine ganze Reihe von Publikationen, von denen die Stadtchronik zur 1200-Jahr-Feier sicher die wichtigste war. „In einem atemberaubenden Tempo“ habe er dieses Werk geschrieben sagte Lang. Ein Jahr lang saß er Tag und Nacht, denn die Zeit drängte bis zur Abgabe. Der Vorlauf zur Stadtchronik war jene über die Geschichte der Ortschaft Niederwangen, die er 2006 verfasste. Und so kamen weitere hinzu: Hatzenweiler, Neuravensburg Das Buch – gemeinsam mit Ortsheimatpfleger Stephan Wiltsche – zum Alten Gottesacker, aber auch das Buch zur Geschichte der ERBA. Zwei Theaterstücke schrieb er und führte Regie. Zahlreiche Vorträge unter anderem zum Wangener Maler Anton von Gegenbaur, oder zum Wangener Münzschaft, zuletzt auch zum Bauernkrieg und zu Wangen am Kriegsende – sein Wissen und seine Tatkraft, dieses Wissen auch zu teilen, schienen fast unerschöpflich.
Folgt man OB Lang, war für die Stadt Rainer Jenschs Expertise von besonderer Bedeutung, wenn es um die Vergabe von Namen für Straßen und Plätze ging, aber auch bei der Übernahme von Geschenken und Vermächtnissen. Oft seien dabei schwierige Entscheidungen zu treffen gewesen, die der promovierte Historiker mit Nebenfächern Kunstgeschichte und historische Hilfswissenschaften mit großer Sachkenntnis im Stande gewesen sei. So kamen immer wieder schöne und interessante Gegenstände ins Depot der Museen.
Sie waren und sind auch weiter Teil des Aufgabengebiets des Archivrs. Waren es zu Beginn die Sammlungen rund um die Eselmühle, so sind es heute zudem der Dorfstadl Leupolz, in dem mit Unterstützung von Rainer Jensch Ehrenamtliche ein großartiges Museum aufgebaut hätten. Dazu kam „Museum Nummer 3“, das Depot im Haus Titscher in Primisweiler. Durch das Vermächtnis der Geschwister Titscher an die Bürgerstiftung Wangen im Allgäu war es möglich, die wertvollen Stücke aus den verschiedenen Lagern in einem Hauszusammenzuführen. Es sein ein „mittelgroßes Wunder“, was Rainer Jensch und Museumsmitarbeiterin Irina Leist dort geschaffen haben. Ursprünglich war geplant gewesen, das Depot im Dachgeschoss eines neu zu bauenden Notariats am Klösterle unterzubringen. An derselben Stelle steht heute das blaue Haus, in dem die Bürgerstiftung Wohnungen vermietet.
Servicestelle Archiv
Zudem sei das Archiv auch immer eine Servicestelle für Privatleute oder Vereine gewesen, die Fragen zu ihrer Familien- oder Vereinsgeschichte hatten. „Sie waren und sind das freundliche Gedächtnis der Stadt“, sagte OB Lang.
Als das Hochwasser kam
Rainer Jensch selber berichtete aus der Arbeit des Archivars. Ein traumatischer Moment sei mit dem Pfingsthochwasser 1999 verknüpft gewesen, sagte er. Als er mitbekam, wie dramatisch sich die Lage in Wangen zuspitzte fuhr er ins Archiv, das direkt an die Argen grenzt und holte mit Helfern Dokumente aus dem Keller und schützte das Haus mit Sandsäcken.
Als einen glücklichen Moment bezeichnete er jenen, als er aus einem Stück Holz, das einst im Rathaus eingebaut und nun im Bauhof lagerte, drei Metall-Zinken herausholen konnte. Als gelernter Schreiner hatte er dem Holz angesehen, dass da etwas Besonderes drin sein müsste. Der Balken war 1461 eingebaut worden.
Zu den Sternstunden rechnete er die „Heimholung“ des Archivs des ehemaligen Adler-Käsewerks. Es lagerte nach der Übernahme durch Bel und die Schließung auch dieser Firma in der Nähe von München. Es fügte sich ein in die zuvor und danach wachsende Sammlung.
Familienbesuch aus Moskau
Zu den berührendsten Momenten zählte Rainer Jensch den Besuch von drei Personen aus Moskau im Jahr 2017. Die 82-jährige Natalia kam mit ihrer rund 50-jährigen Tochter und ihrem Enkel. Sie hatte ihren Vater nie kennengelernt, hatte aber den Brief von ihm an ihre Mutter aus dem Jahr 1948 – geschrieben aus Wangen. Seine Geschichte nachzuvollziehen war der Grund des Familienbesuchs. Rainer Jensch konnte auf einfachem Wege finden, dass der Mann im selben Jahr im Wangener Krankenhaus nach einer Operation verstorben war.
Und immer wieder gab es glückliche Zufälle. So fand er beim Aufräumen im heutigen Druckereimuseum 2019 einen Kupferstich von 1647, den er lange und intensiv gesucht hatte. Bis nach Stuttgart ins Landesarchiv war er gefahren, handelte es sich doch um eine Wangen-Darstellung von Johann Andreas Rauch.
Von Gold in Honiggläsern
Und schließlich berichtete er von Josef Heine, der der Bürgerstiftung eine große Summe vermacht hatte, und damit die Gründung derselben ermöglichte. Der Sparsame Mann hatte sein Geld unter anderem Briefmarken gesteckt, in der festen Meinung, damit einen bleibenden Wert zu schaffen. Deshalb verpackte er sie sorgfältig und bewahrte sie unter Dielen und an weiteren unerwarteten Orten in seinem Holzhaus auf. Die Goldmünzen aber, die er besaß, hatte er in Honiggläsern im Bienenhaus verstaut, wo sie vor Dieben und Einbrechern versteckte. Nach 28 Jahren schloss er seinen Vortrag mit den Worten: „Es war mir eine Ehre.“