Zum 19. Mal feierte Wangen den Europatag am 9. Mai. Die beiden Veranstaltungen – eine am Vormittag für und mit Schülerinnen und Schülern des Rupert-Neß-Gymnasiums und der Gemeinschaftsschule eine am Abend für die Öffentlichkeit – waren voller Emotionen und Informationen. Thema des Tages war: „80 Jahre Frieden in Europa – und jetzt?“
Es war ein begeisterndes Bild, als am Vormittag die Fünft- und Zehntklässler des RNG auf der Bühne der Stadthalle die Europahymne „Freude schöner Götterfunken“ und das TeDeum von Charpentier erklingen ließen, das Fernsehzuschauer als Eurovisionshymne kennen. Die Freude der Beteiligten lag buchstäblich zum Greifen in der Luft. Was folgte, war eine eindrückliche Einführung durch die evangelische Pfarrerin Dr. Elisabeth Jooß, die an die 60 bis 80 Millionen Toten erinnerte, die der Zweite Weltkrieg forderte. Sie zitierte den früheren Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker mit den Worten: „Wer an Europa zweifelt, sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!“ Diplomatie, Vertrauen und Dialog seien die einzig wirksamen Möglichkeiten, um ein so millionenfaches Sterben auch in Zukunft zu vermeiden.
Wie der Zweite Weltkrieg in Wangen endete
Wangen hatte 560 Gefallene zu verzeichnen, wie Stadtarchivar Dr. Rainer Jensch in seinem Blick auf die Stadt berichtete. Er schilderte die letzten Tage des Krieges in Wangen, in denen die Stadt mit viel Glück und Dank mutiger Männer um Haaresbreite dem Beschuss entging. Die beiden 1936 in Wangen geborenen Zeitzeugen Wolfgang Reutter und Franz Schmid erzählten im Gespräch mit Moderator Dr. Jörg Wendorff, was sie als Kinder erlebten. Schulen und Kindergärten blieben bis in den Herbst 1945 geschlossen, weil die Gebäude für die Unterbringung französischer Soldaten benötigt wurde.
Wie Ebensee und Prato sich anfreundeten
Sepp Piontek aus der österreichischen Stadt Ebensee, das wie Wangen mit Prato eine Partnerschaft pflegt, erzählte den aufmerksam Zuhörenden, dass die Freundschaft beider Städte aus einer schlimmen Episode des Krieges herrührt. Damals mussten KZ-Häftlinge aus dem nahen Mauthausen, unter ihnen allein 537 Prateser, in den Bergfels bei Ebensee tiefe Stollen sprengen. Dorthin sollte die deutsche Raketenproduktion verlegt werden. Von den 135 Überlebenden seien nach dem Krieg viele zurückgekommen, um ihrer toten Kameraden zu gedenken. Es sei ein langer Prozess gewesen, bis in Ebensee ab 1980 ein gemeinsames Gedenken und Erinnern mit den Italienern möglich gewesen war. 1986 wurde die „Partnerschaft des Friedens“ begründet. „Es ist die Aufgabe von uns allen, diesen Friedensauftrag weiterzutragen“, sagte Piontek.
Eine ausgleichende Stimme ist verloren
In einer Mischung aus akademischem Vortrag und Performance schilderte Professor Lorenzo Bastida aus Florenz gemeinsam mit dem Cellisten Volfango Dami das Leben des Ausschwitz-Überlebenden Primo Levi, einem italienischen Chemiker aus Turin, der wegen seines Jüdisch-Seins verschleppt wurde und später seine Erfahrungen in Büchern und Erzählungen festhielt. Auf dem Rückweg in seine Heimat wurde ihm klar, dass er einer Zivilisation angehörte, die von Gibraltar bis zum Ural reicht und „Europa zu einem Ganzen macht“. Bastida schloss seine Ausführungen so: Im israelisch-arabischen Konflikt war Primo Levi immer eine „ausgleichende Stimme, die ich heute sehr vermisse.“
Wie Menschen fliehen mussten
Auch am Abend kam mit Dr. Hans Walz ein Zeuge des Kriegsendes und der Nachkriegszeit zu Wort. Der ehemalige Professor berichtete unter anderem von der Flucht der Mutter mit ihren Kindern aus Stuttgart ins hohenlohische Aschhausen, wo Verwandte wohnten. Und er zeigte anschaulich, dass Europa mitnichten das Zentrum der Welt ist, wie es viele Landkarten glauben machen wollen. Auch die Autorin Monika Taubitz blickte im Gespräch mit Kultur- und Sportamtsleiter Hermann Spang auf das Kriegsende, allerdings mit dem Fokus der Vertreibung aus Schlesien. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit Freunden in Breslau an der Aussöhnung. „Den Wangener Kreis kennt man dort“, sagte sie. Dieser Kreis, der sich bis heute einmal jährlich in Wangen trifft, hat nach ihren Ausführungen drei Ziele: schlesische Literatur und Kunst zu bewahren, die Versöhnung mit jüdischen Menschen, die Deutschland verlassen mussten, sowie die Aussöhnung mit Tschechen und Polen, die jetzt in Schlesien leben. Mit Sepp Pionteks erneuten eindrucksvollen Ausführungen endete der Abend.