Den einen gilt er als Eindringling und Schadenverursacher, die anderen sehen im streng geschützten Biber ein Tier, das einen wichtigen Beitrag zum Erhalt von Landschaft und Klima leistet. Tatsache ist: Für die Stadt Wangen verursachen die Biber nicht unwesentliche Personalkosten. Denn die beiden Mitarbeiter im Tiefbauamt Roland Metzler und Christian Metzler sind – aufaddiert – rund eine komplette Woche im Monat an etwa zehn Stellen auf der gesamten Gemarkung allein mit den Bibern und ihren Bauwerken beschäftigt. Oberbürgermeister Michael Lang ließ sich einige schwierige Einsatzstellen zeigen.
Die städtischen Mitarbeiter sind vor allem dort im Einsatz, wo der Biber mit seinen Röhren wichtige Infrastruktur gefährdet. Dazu zählen beispielsweise Straßen und Dämme. Oder es geht um Fragen der Gefährdung von Gebäuden wie beispielsweise in Karsee, wo ein Biberdamm regelmäßig den Wasserspiegel des Sees zum Steigen bringt und die Keller von Seeanliegern nass werden könnten.
Ein Biber lebt im Familienverbund, bis der Nachwuchs rund eineinhalb Jahre alt ist und buchstäblich vor die Tür verwiesen wird, wie der Biberbeauftragte der Region Wangen /Amtzell, Dietmar Mergenthaler, erzählt. Bis dahin aber baut die Familie sich ein richtiges Heim mit verschiedenen Räumen: einem Schlafraum, einer Vorratskammer für den Winter oder auch einem Aufenthaltsraum. Betreten werden die Räume über einen Eingangsbereich. Dieser befindet sich unter einem kunstvoll aufgehäuften Damm. 50 Zentimeter sollte der Pegel im Fluss mindestens sein, entsprechend baue der Biber, sagt Mergenthaler. Und so gehen die gehen die beiden städtischen Mitarbeiter vor, wenn sie Gefährdungen sehen oder wenn sie ihnen gemeldet werden und nehmen nach Abstimmung mit dem Biberbeauftragten und Landratsamt an Biberdämmen von oben her Material ab. Denn je höher der Damm, desto höher auch der Pegel.
Doch die Aufgaben, die der Biber stellt, sind sehr unterschiedlich. Zum Beispiel die Kreisstraße im Raum Leupolz bei Missen: Dort läuft unter der Straße ein Bach in einer Verdolung. Diese Röhre gilt es freizuhalten. „Der Biber hat hier schon im Rohr gebaut und alles dicht gemacht“, erzählt Roland Metzler. Bei entsprechend hoher Wasserführung wäre die Folge eine Überflutung der Straße und möglicherweise die Beschädigung des Straßenunterbaus gewesen. Ein dreitägiger Arbeitseinsatz folgte, um die Röhre wieder frei zu bekommen.
Überflutungen dieser Art sind an manchen Orten möglich, an anderen verursachen sie große Schäden. Ein Beispiel zeigen Roland und Christian Metzler im Bereich Lanzenweiher / Mauthaus. An diesem Tag sieht der kleine Bachlauf am Rande des Wangener Friedhofs St. Wolfgang völlig harmlos aus. Doch schnell wird klar, was passieren kann, wenn ein hoher Biberdamm und viel Wasser – wie nach einem Starkregenereignis oder nach Dauerregen – zusammenkommen: Das Wasser staut sich und läuft über. Im Extremfall läuft es dann Richtung Hergatz ab und könnte eine Hofzufahrt und einen Betrieb gefährden. Da der Biber fast überall – auch an dieser Stelle - nicht nur einen Damm baut, sondern mehrere hintereinander, rücken Roland und Christian Metzler hier öfter an, um mit einem Rechen zumindest das obere Bauwerk niedrig zu halten. In steilem und kaum zugänglichem Gelände ist das nicht nur hier im Bereich Mauthaus, sondern auch an anderen Orten ein schwieriges und mühsames Arbeiten.
Biber sind Meister im Recycling
Wohin mit den Ästen, die der Biber aufgehäuft hat, ist oft die Frage. Am besten wäre, man könnte sie abtransportieren. Das ist aber aufgrund der Lage in vielen Fällen nicht möglich. So bleibt den Mitarbeitern nichts anderes übrig, als das natürliche Baumaterial möglichst weit weg den Hang hinauf zu werfen. Denn Biber sind Meister im Recyceln von Material. Was in der Nähe liegt, holen sie sich wieder und setzen es erneut ein, wie die beiden erzählen.
So ist es auch in Karsee, wo der Biber am abfließenden Bach wohnt. Wenn unterhalb des Sees bei der Holzbrücke der Damm zu hoch ist, steigt auch der Pegel des Karsees für die Anwohner bedrohlich an. Dann heißt es wieder und wieder den Damm absenken.
Landwirte sind mit am meisten betroffen, von dem was das streng geschützte Tier bewerkstelligen kann. Deshalb läge ihnen auch daran, dass man den Bibern schneller an den Pelz gehen und sie entfernen könnte, wie bei einer Gesprächsrunde mit den Obleuten der Landwirte in und um Wangen deutlich wurde. Doch da steht das bundesweit gültige Naturschutzgesetz davor.
Dietmar Mergenthaler kennt sich sehr genau aus. Er ist nicht nur Fachmann für Biber, sondern ausgebildeter Jäger und Wildtierschützer. Er erklärt, warum in Bayern andere Regeln gelten als in Baden-Württemberg. Bayern hat in den 60er und 70er Jahren den Biber wieder angesiedelt, nachdem er praktisch ausgerottet war. Weil also das Tier von Staats wegen wieder im Freistaat lebt, kann es sein, dass Schäden dort beglichen werden. „Biber, die bei uns leben, sind irgendwann aus Bayern zugewandert“, sagt er. Sie haben sich also natürlich entwickelt. Dass in Bayern viel mehr Biber entnommen würden als bei uns, hält er im Übrigen für ein Ammenmärchen.
Biber lieben Mais und Gras
Mergenthaler wird unter anderem dann angerufen, wenn ein Biber beispielsweise von einem Auto erfasst wurde und an den Verletzungen leidet. Er ist der Einzige im Gebiet Wangen / Amtzell, der so ein Tier dann auch von seinem Leiden erlösen darf. Er hat den Blick des „Freundes“ auf das Tier und sagt: „Der Biber nimmt sich heute, woraus man ihn vor langer Zeit vertrieben hat.“ Das hat nach seiner Auffassung auch den Grund, dass sich die Landwirtschaft und mit ihr die Landschaft verändert hat. So lieben die Biber nicht nur Mais und fressen entsprechend viel davon, wenn so ein Feld an einem von ihnen besiedelten Gewässer steht. Sie lieben auch das frische Gras an einem Bachlauf. Im Sommer kann man die Spuren vom Wasser in die Wiese sehen. Dort frisst das Tier einmal im Kreis, so dass es aussieht, als habe es sich einen Teller voll Grünzeug genehmigt.
Früher habe der Biber viel mehr Bäume gefällt und die Rinde gefressen. Heute hingegen fresse er mehr deutlich Gras als Holz. Bis zu 30 Kilogramm schwer werden die Tiere. Im Raum Wangen /Amtzell schätzt Mergenthaler rund 50 Paare. Allein entlang des Karbach seien es ca. zehn. Was rät der Experte im Umgang mit den Bibern? „Ich sage immer, man muss sich mit einem Biber arrangieren. Wenn man ihn ärgert, richtet er noch viel mehr Schaden an. Und man muss auch sehen, dass er gute Arbeit fürs Klima leistet. Die Feuchtbiotope, die er anlegt, gefallen auch anderen Lebewesen“, gibt er zu bedenken. „Es ist nicht überall geschickt, wo er auftaucht, aber er ist auch kein Schädling“, sagt er.